Blutsbrüder - aber nicht Gehirnbrüder

Da zeigt sich nun, daß es durchaus Lebewesen geben kann, die allerengste biochemische Gemeinsamkeiten haben und dennoch aus dem gleichen Ursprungsmaterial entscheidende Besonderheiten des Körpers entwickelt haben.

Bonobo
Bonobo

Das gilt auch für den Menschen, dessen Großhirn so ausgewachsen ist, daß die Bonobos nicht mehr mitkommen. Wir können also Blutsbrüder sein, was noch lange nicht bedeutet, daß wir auch Gehirnbrüder sind.

Andererseits zeigt die fast gleiche Molekularstruktur des Blutfarbstoffs Hämoglobin bei Mensch, Bonobo und Schimpanse, daß eine äußerst enge Verbindung zwischen den dreien besteht. Der Gorilla ist schon "weiter weg" von uns, der asiatische Orang-Utan gar ein entfernter Verwandter.

Daß der Mensch so ganz anders ansieht als sein Blutsbruder Bonobo, hat offenkundig mit seiner Gehirnentwicklung zu tun. Von einen gemeinsamen Ahnen, der vor etwa 20 Millionen Jahren gelebt haben könnte, trennten sich Vor-Schimpansen und Vor-Menschen. Doch während die Schimpansen eben Schimpansen geblieben sind und sich in zwei Arten aufspalteten, von denen die der Bonobos dem Ahnen heute näher steht als die andere, hat sich der Mensch durch die Entfaltung seines Gehirns (und den gewaltigen Auslesevorteil, den er dadurch bekam) sehr schnell ganz anders entwickelt.

Damit sind die Fragen um den Bonobo aber noch nicht zu Ende. Warum ist er heute anders als der große Schimpanse? Als Erklärung bringt man den zweiten Evolutionsfaktor ins Spiel: die Selektion. Das ist die Auslese der durch Mutationen untereinander verschiedenen Lebewesen derselben Art durch die Umwelt.

Alle Menschenaffen gehen äußerst ungern ins Wasser. Wahrscheinlich können sie alle nicht schwimmen. Jedenfalls wäre ein breiter, flacher Wassergraben im Tiergarten eine ausreichende Absperrung. Denn Menschenaffen waten auch nicht durchs Wasser. Ein nicht mehr zu rekonstruierendes Ereignis führte nun dazu, daß sich in Afrika die schimpansenartigen Nachfahren des gemeinsamen Ahnen von Mensch und Schimpanse sowohl nördlich als auch südlich des Kongoflusses ansiedelten. So entstand eine geographische Barriere, die sich im Laufe der Jahrmillionen so auswirkte, daß sich die Schimpansen nördlich und südlich des Kongo verschieden entwickelten und zu eigenen Arten wurden. Damit wiederholte sich, was schon zur Trennung der Schimpansenvorläufer und der Menschenvorläufer geführt hatte: Irgendwo waren zwei räumlich getrennte Gruppen dieser Lebewesen entstanden, die sich in verschiedenen Umwelten so lange auseinanderentwickelten, bis sie auch bei einem zufälligen Zusammentreffen keine Kinder mehr miteinander bekommen konnten. Eine neue Art war entstanden.

Die Schimpansen südlich des großen Kongobogens lebten und leben auf einer "genetischen Insel", abseits des Lebensraumes der übrigen Schimpansen an der anderen Seite des Flusses. Offenkundig haben sie dort mehr vom uralten gemeinsamen tiermenschlichen Erbe bewahrt als ihre Vettern, die nördlich des Flusses im heutigen Zentral- und Westafrika leben.