Sie sind vom Menschen abhängig

Wenn Orangs klug genug wären, um sich ihrer heutigen Lage bewußt zu werden, müßten sie Trauriges erkennen.

In der Gefangenschaft sind sie restlos vom Menschen abhängig und können sich ohne ihn nicht einmal fortpflanzen. In der Freiheit aber stehen sie kurz vor dem Aussterben. Im Stuttgarter Wilhelma-Zoo sind schon einige Orangs geboren worden, doch alle mußte man ihren Müttern wegnehmen, um sie von Menschenfrauen aufziehen zu lassen. Das ist der Normalfall in den wenigen Tiergärten, in denen Orang-Paare überhaupt Kinder bekommen. (Orangs sind auch da eigenwillig - sie wollen sich bei der Liebe sympathisch sein. Deshalb müssen die Tiergärten auf einem zoointernen Heiratsmarkt immer wieder einzelne Orangs austauschen.)

Leider bringt es kein Orang-Weibchen fertig, sein Kind ohne Erfahrung in der Kinderbetreuung aufzuziehen. Jörg Hess-Haeser, ein Schweizer Zoologe, der sich in den Beziehungen der Menschenaffenmütter zu ihren Kindern wohl am besten auskennt, sagt dazu: "Diese Tiere müssen zuerst selber die Geborgenheit bei ihrer Mutter erleben. Als Kinder und Halbwüchsige müssen sie beobachten, wie ihre Mütter mit den kleineren Jungen umgehen, und müssen selber aktiv Säuglinge und Kleinkinder bemuttern, die ihnen zeitweise anvertraut werden. Diese Lernprozesse gehen dann mit dem ersten eigenen Kind weiter. Erfahrungen mit dem Erstgeborenen führen oft zu umsichtigerem Verhalten bei den späteren Kindern." 

Orang-Utan

Doch woher soll ein im Zoo geborenes Orang-Weibchen solche Erfahrungen haben? Seine Mutter ist meist als junges Tier gefangen worden, also hat sie ihr Kind selbst schon nicht richtig behandeln können. So wachsen Zoo-Generationen von Orangs heran, die nur noch von Menschen aufgezogen werden können!

Daran ist auch abzulesen, welche Chance die Versuche haben, diese Tiere nach jahrelanger Menschenobhut wieder in den Dschungel zu bringen. Die Idealisten, die versuchen, auf Sumatra beschlagnahmte Orangs an die Natur zurückzugewöhnen, müssen den Tieren zunächst einmal Elternersatz sein und sie alles lehren, was sie nicht haben lernen können, weil sie von Indonesiern oder Europäern wie Hunde im Haus gehalten worden waren. Solche "Hausaffen" müssen sogar erst klettern lernen. Nicht einmal das kann ein kleiner Orang ohne Vorbild von Natur aus!

Doch immerhin - als junge Tiere können sie es noch lernen, und in den Rückgewöhnungsstationen im Urwald kann man sie auch einigermaßen an das Urwaldleben anpassen. Doch was später aus ihnen wird, weiß niemand. Werden sie den Tigern und Nebelpardern entfliehen können, obwohl sie diese Räuber nie zuvor gesehen haben und nie de Mutter abgucken konnten, wie sich ein Orang diesen Katzen gegenüber verhält. Und werden sie ihre Kinder großbekommen nachdem sie selber als Kinder aus ihre normalen Welt herausgerissen worden sind? Bis jetzt hat erst ein einziges ausgesetztes Weibchen ein Kind von einem wildlebenden Orang bekommen.