Sorgenkinder

Sie sind die geduldigsten und die geschicktesten unter den Menschenaffen. Und die problematischsten. In der Freiheit sind sie bedroht, im Zoo von klein auf völlig vom Menschen abhängig.

Orang-Utan
Orang-Utan

Die Ausrottung des Orang-Utans durch den Menschen hat eine fast ehrwürdige Tradition. Schon der Steinzeitmensch hat ihn gegessen. Und wenn Sie bei der Geschichte vom Metch-Kangmi nachlesen, was die Wissenschaft vom Yeti hält, dann werden Sie entdecken, daß diese sagenhafte Kreatur möglicherweise mit dem in den Himalaya-Ländern ausgerotteten Orang-Utan identisch ist. Denn der riesige Menschenaffe, der heute nur noch in Teilen von Sumatra und Borneo lebt, hat noch vor 200 Jahren auch das asiatische Festland bevölkert.

Damals waren die Orangs in China genauso zu finden wie im südlichen Nepal, in Nordindien, Burma und Laos. Natürlich nicht im ewigen Schnee, wo man heute nach dem Yeti sucht, sondern in den Bergwäldern unterhalb der kalten Regionen. Der Orang ist schließlich ein an die Vegetation gebundener Fast-Vegetarier, der wenig tierisches Eiweiß ißt. Die Insekten und das kleine Getier, das auf Bäumen lebt, genügen ihm; die Wildfrüchte, Blätter, Schößlinge und Knospen aber braucht er dringend zum Sattwerden. Deshalb kann er sich nur in ausgedehnten Waldgebieten halten.

Schon der erste Blick auf einen ausgewachsenen Orang-Mann zeigt, daß dieser Menschenaffe nur sehr, sehr weitläufig mit uns verwandt ist. Alle serologischen Untersuchungen beweisen das ebenfalls: Der Orang muß sich als erster vom gemeinsamen Ahnenstamm von Mensch und Menschenaffe getrennt und eine eigene Entwicklung als Baumtier eingeschlagen haben. Nach ihm wanderte der Gorilla ab, danach der große Schimpanse und zum Schluß der Zwergschimpanse. Dementsprechend benimmt sich der Orang-Utan (der "Waldmensch" der Malaien) auch: Seine Arme sind stärker als die Beinmuskeln, und er hat sich so sehr ans Herumturnen angepaßt, daß er oft sogar die Liebe am Baum hängend erledigt.

Orangs sind wörtlich und buchstäblich von den Bäumen abhängig; deshalb geht es ihnen heute auch an ihr rotes Fell. Denn die Regen-Urwälder Indonesiens sind kostbar geworden - sowohl die Edelhölzer als auch der Boden, auf dem sie stehen. Darum werden die Wälder gleich tausendhektarweise abgeholzt. Und das ohne Rücksicht auf ihr hängendes und hangelndes Inventar. Der Profit ist wichtiger als die paar Affen.

Zoodirektoren, die geglaubt hatten, daß die stammesgeschichtliche Entfernung eines Orangs vom Menschen seiner Intelligenz geschadet habe, mußten umlernen. Denn Orangs bringen mit ihren langen Hangelfingern Dinge fertig, bei denen alle anderer Tiere überfordert wären. Sie können zum Beispiel monatelang an einem Schloß herumfummeln, eine Eisenstange drehen oder ein Gitterloch vertiefen, bis die Mechanik endlich nachgibt. Und plötzlich sind sie draußen! Weder Gorillas noch Schimpansen hätten dazu die sture Geduld.