Stürze sind lebensgefährlich

Wahrscheinlich hängt die in der Gefangenschaft beobachtete Fähigkeit des Orangs, nahezu jeden Gegenstand in seine Einzelteile zu zerlegen, mit seinem Baumleben zusammen.

Orang-Utan

Ein Hangler verbringt ja sein ganzes Leben mit Belastungsproben. Jeder Ast muß im Zugreifen geprüft werden, ob er das Gewicht erträgt; alles Material ist nur so viel wert, wie es aushält. Vom Baum abzustürzen ist für einen Orang nicht weniger gefährlich als für uns.

Orangs sind sogenannte Stützhangler, die ihr Gewicht fast immer auf mehrere Äste und Zweige verteilen müssen. Sie sind viel zu schwer, um wie die kleinen und leichten Gibbons in jedes beliebige Astgewirr hineinspringen zu können. Orangs müssen vor jeder Bewegung sorgfältig abschätzen, welche Baumteile sie tragen können. Deshalb laufen und klettern sie auch lieber auf den dicken Ästen herum als im oberen Gezweig. Wenn's aber keine starken Äste gibt, dann packen sie mit Händen und Füßen zugleich zu, bündeln oft mehrere Zweige und geben sich manchmal vor dem Weiterhangeln auch noch Schwung, indem sie federndes Holz ausnützen. Das alles fordert viel Raum- und Materialverstand - mehr jedenfalls, als die anderen Menschenaffen brauchen, die vorwiegend auf dem Boden leben.

Orang-Utan

Verglichen mit einem Urwald ist selbst ein reichhaltig ausgestatteter Zookäfig ein armseliges Gelaß. Was bleibt dem Tier also übrig, wenn es seinen Bewegungs- und Probiertrieb abreagieren muß? Es kann ja nur an den Dingen herumspielen, die es im Käfig findet. Auch die impulsiven Schimpansen "zerstören" aus diesem Grund fast alles, was sich zerlegen läßt. Doch der bedächtige Orang ist wesentlich erfolgreicher, weil er sich viel mehr Zeit nimmt.

Eine der besten Orang-Kennerinnen, Barbara Harrison, hat sich diesen Unterschied überlegt und kam zu dem Schluß: "Der Orang hat nicht das Bedürfnis, etwas nachzuahmen (wie der Schimpanse), er will vielmehr etwas erforschen." Wenn's kein neuer Baum sein darf, dann vielleicht ein neuer Strick im Käfig." Der Zoologe Fritz Jantschke hat eine ganze Doktorarbeit fast nur darüber geschrieben, wie Orangs Äste, Säcke, Tücher und Seile verknüpfen und verschlingen, wie sie eine Art von Hängematten bauen und mit offenkundig angeborenen Bewegungen ihr Schlafnest flechten.