Fressen und Wachsen

Nach dem Erreichen ihres endgültigen Wohngewässers kommt ein jahrelanges Stadium des Fressens und Wachsens. Die Flussaale heißen nun wegen ihrer gelblichen Flanken und des Bauches Gelbaale.

Sie gehen in der Dämmerung auf Jagd, erbeuten Würmer, Schnecken, Muscheln, Krebstiere, Insektenlarven und Fische. Die Weibchen sind nach acht bis zwölf Jahren Süßwasserleben ausgewachsen und bis zu anderthalb Meter lang, während die schon nach sechs bis sieben Jahren ausgewachsenen Männchen nur 50 Zentimeter lang werden. Sie sehen nun wieder ganz anders aus: Die Augen sind vergrößert, der Kopf ist zugespitzt, das Fleisch strotzt von Fett. Auf dem Rücken sind die Aale dunkel, am Bauch silbrig glänzend. In diesem Zustand heißen sie Blankaale, und nun fängt man sie in Massen.

Dann hören sie allmählich mit dem Fressen auf, und ihre Verdauungsorgane bilden sich zurück; die Geschlechtsorgane sind zu diesem Zeitpunkt noch ganz unentwickelt.

Die Blankaale wandern im Herbst ins Meer und machen auf unbekannten Wegen die weite Reise zurück ins Sargasso-Meer. Die Wanderung dauert anderthalb Jahre. In dieser Zeit nehmen sie keinerlei Nahrung zu sich, und ihre Geschlechtsorgane reifen. Dort, wo sie aus dem Ei geschlüpft sind, laichen die Flußaale. Anschließend gehen sie zugrunde. Der Lebenskreis der Wanderer zwischen Meer und Süßwasser hat sich vollendet.

Immer wieder hat man sich die Frage gestellt, wie der Europäische Flußaal zu einem so weit entfernten Laichgebiet gekommen ist. Eine einleuchtende Erklärung ergibt sich aus Alfred Wegeners Theorie der Kontinentalverschiebung.

Danach driften die Festlandschollen von Europa-Afrika und Amerika seit vielen Jahrmillionen auseinander. Früher lebte und laichte der Flußaal in der schmalen Rinne zwischen den Kontinentalblöcken. Da das Auseinanderdriften unvorstellbar langsam vor sich ging, hatten die Aale Zeit genug, sich an die zunehmende Entfernung zwischen Lebensbereich und Laichplatz anzupassen.

Ob diese Erklärung nun richtig ist oder nicht - das Staunen über die Leistung der Aale bleibt.