Der Vater wird zum Kannibalen

Schließlich sind die heranwachsenden Jungen nicht mehr im Nest zu halten. Das Männchen führt noch einige Zeit den Schwarm von Fressplatz zu Fressplatz, doch dann wird es für die Jungen Zeit, sich selbständig zu machen. Der Vater beginnt, kannibalisch zu werden, nachdem er sich so lange treu um seine Nachkommen gesorgt hat.

Der Verhaltensforscher Tinbergen hat die Stichlinge ausgiebig untersucht und Attrappenversuche gemacht, um herauszufinden, woran ein Stichlingsmännchen seine Rivalen und die laichreifen Weibchen erkennt. Dabei stellte sich heraus, dass bei der Erkennung der Weibchen die Form - der prallgefüllte Bauch - der Auslöser ist. Ein gleich großes, gleichfarbenes Tier oder eine Attrappe mit dünnem Bauch bleiben unbeachtet. Nur ein Weibchen voller Eier führt zur Paarung.

Ein roter Bauch fordert heraus

Dagegen ist das Signal Rivale eindeutig farbbezogen. Die Attrappe kann sich in der Form sehr weit von der eigentlichen Stichlingsform entfernen - es genügt, wenn sie einen roten Bauch hat. Die Spitze an Reizwirkung erreicht man allerdings mit einer rotbäuchigen Attrappe, die auf dem Kopf steht. Senkrechtstehen gehört beim Stichling zum Kampfritual der Männchen.

Die Erkennungssignale für die Weibchen sind färb- und bewegungsbezogen. Hier sind es vor allem das türkisblau leuchtende Auge des Männchens und der Zickzacktanz, die das Weibchen zum Besuch des Nestes bringen. Aber auch Berührungsreize scheinen eine Rolle zu spielen. So stößt das Männchen an den Schwanzstiel des laichreifen Weibchens und zwickt sogar hinein, bevor es mit dem Zickzacktanz beginnt. Bei der Eiablage ist das Schnauzentremolo entscheidend.

Wenn auch das Verhalten beim Ablaichen weitgehend ritualisiert ist, kommen doch immer wieder Ausnahmen vor. So besuchten in einem Aquarium laichreife Weibchen das Männchen schon am unfertigen Nest, und es sah so aus, als wollten sie dieses begutachten. Im Tiergarten Wilhelma konnte ich beobachten, wie ein laichbereites Weibchen ein Männchen, das noch nicht in Brutstimmung war, durch Antippen des Schwanzstieles zum Zickzacktanz animieren wollte. Die im Aquarium bei einer verhältnismäßig dichten Besiedelung gemachten Beobachtungen können jedoch nicht einfach auf das Verhalten der Stichlinge im Freiland übertragen werden, obgleich es auch dort Gebiete gibt, in denen noch größere Übervölkerung herrscht.