Was ist es nun - Geiß oder Bock?

Nur langsam kann ich mich an das Tempo gewöhnen, das mir der sehnige Jäger vorsteigt - zumal ich den Weg nicht kenne und den zweieinhalb Meter langen Bergstock nicht voll einsetze.

Dennoch wird der Aufstieg zum Erlebnis. Hie und da durchbricht ein gewaltiges Röhren das Rauschen der Gebirgsbäche, die sich überall ins Tal stürzen. Über tausend Meter weiter unten vielleicht in der Gegend des verlassenen Kurhotels von Bad Fuschl - ruft ein Hirsch.

Dieser urige Schrei begleitet uns über die Baumgrenze hinauf. Längst hat Sepp die Taschenlampe ausgelöscht; wir müssen uns zwischen den Latschen vorantasten.

"Dreh den Bergstock rum, damit die Metallspitze nicht gegen die Steine schlägt, denn der Gams hört jedes fremde Geräusch!", mahnt der Erfahrene.

Als es zu dämmern beginnt, kauern wir hinter einem Felsen am Fuße der hohen Gamsburg. Feldstecher liegen griffbereit in Heidelbeersträuchern. Sepp hat sein "Spektiv", ein kleines Fernrohr, in Stellung gebracht. Allmählich heben sich die scharfen Felskanten von den fahlgelben Grasbüscheln und sattgrünen Kräutern ab.

"Da vorne an der Wand steht a Gams!" raunt Sepp mir ins Ohr; wie ein verwegener Seemann späht er durch sein Spektiv. Aber erst nach langem Suchen kann ich durch meinen Feldstecher das Stück Wild erkennen besser gesagt: erahnen. Meisterhaft ist die Tarnfarbe der Sommergemse. Nur mit Mühe sehe ich den hochläufigen, steinfarbenen Wildkörper, der schemenhaft unter einem Felsvorsprung steht. Selbst Sepp kann mit seinem geschulten Auge auch durchs Spektiv noch nicht erkennen, ob es eine Geiß oder ein Bock ist; obwohl die Gemse kaum zwei Steinwürfe vor uns steht. Wir müssen warten, bis es heller wird.

Das Gamswild gehört zu den Tierarten, bei denen beide Geschlechter Hörner tragen: hohle, schwarze, nach hinten gebogene Hörner, die der Jäger "Krucken" nennt. Es sind Hautgebilde, die auf einem Stirnbeinzapfen sitzen. Sie werden - im Gegensatz zum Geweih des Rothirsches - nicht abgeworfen. Diese Krucken wachsen Sommer für Sommer; die Stücke schieben sich tütenförmig übereinander. Im vierten Jahr haben sie ihr Hauptwachstum beendet und werden dann nur noch wenig höher und stärker. Somit kann man an den Gamskrucken recht einfach das Alter bestimmen: Man braucht nur die Jahrringe zu zählen, die durch das gedrosselte Wachstum während der Wintermonate an jedem der beiden Hörner entstanden sind. Hinter der Krucke sitzen zwei Duftdrüsen, die "Brunftfeigen", mit deren scharfriechenden Ausscheidungen der Gamsbock sein Revier markiert.

Der Gamsbock ist wahrscheinlich das einzige männliche Lebewesen, das seinen Bart auf dem Rücken hat. Die langen Rückenhaare des "Bartbockes" im Winterpelz mit den silbernen Spitzen, dem "Reif", gehören zu den begehrtesten Trophäen; dieser Gamsbart wird für teures Geld an den Hut gesteckt. Glücklicherweise (und dank den heutigen Jagdsystemen) wird dem Gamsbock dennoch nicht mehr nachgestellt als dem übrigen Wild. Sonntagsjäger haben keine Chancen; die Jagd im winterlichen Hochgebirge ist nur etwas für harte Naturburschen.

Aber noch haben wir Sommer. Und nun bewegt sich etwas im oberen Drittel der Felswand. Fünf, sechs, zehn, zwölf - ein ganzes "Scharl Gams" springt dort oben von Felsnase zu Felsnase. Ein herrliches Bild, wie sich das Rudel so behend an der Felswand bewegt. "Faselzeug" oder "Geraffel" nennt der Jäger die Geißen, die jungen Böcke und Kitze, die im Sommer als Rudel zusammenleben, während sich die älteren Herren absondern und irgendwo in Trupps oder ganz einzeln in den Latschen stehen.