Auch in Kanada sind Moschusochsen zu Hause

"Musk-Ox!" Tom, mein Begleiter im Hubschrauber, wies voraus: Von der weiten, mit Rauhgräsern, Moosblüten und Flechten bestandenen Tundra hoben sich verstreut braunschwarze Flecken ab: ein Rudel äsender Moschusochsen, die auf Kanadas großen arktischen Inselländern naturgeschützt leben.

Tom, Zoologe und Wildhüter im Dienst des Canadian Wildlife Service, ließ nach dem Landen - unweit des Rudels - "Tucky", seinen mitgeführten Hund, frei. Der Rüde hetzte in federnden Sätzen auf die Tiere zu. Der Wache haltende Leitstier galoppierte mit flatterndem Pelzumhang mitten unter die Seinen, die sich sofort in festgeschlossener Reihe formierten, wobei die drei Jungtiere zwischen die Großen genommen wurden.

Darüber hatte "Tucky" die Phalanx erreicht. Er machte mehrmals die Runde, ab und zu den Fang hochwerfend und nach Art der Wölfe gen Himmel heulend. "Siehst du", erklärte Tom, "sie halten ihn für einen Wolf."

Moschusochse

Der urige Leitstier, die anderen an Größe wie auch wohl an Intelligenz und Stärke übertreffend, machte den Flügelmann. Plötzlich begann er mit den Vorderschalen die Erde zu fegen; leise schnaubend senkte er den Schädel. "Achtung . . . jetzt", Tom hieb mir auf die Schulter. Der Leitstier stürmte auf "Tucky" los, der mit einem Riesensatz zur Seite sprang; der Stoß ging in die Luft. Während "Tucky" sich mit eingeklemmter Standarte hinter die lebende Mauer verzog, schritt sein Gegner langsam zurück und nahm seinen Posten wieder ein. Von uns Zweibeinern nahm er offenbar keine Notiz. Moschusochsen verteidigen sich wirkungsvoll gegen Wölfe. Gegenüber deren Rotten bauen sie sich zu hörnerstarrender Wehr auf: als "Karree", "Igel" oder "Fächer". Hierzu ein Bericht des norwegischen Polarforschers Otto Sverdrup:
"Wir trafen vier Moschusochsen an, die, sobald unsere Hunde auf sie zujagten, sofort ein regelrechtes Karree bildeten. Ihre Hinterteile fest aneinandergepresst, sicherten sie nach allen vier Windecken. Plötzlich machte einer einen Ausfall, beschrieb rückkehrend einen kurzen Bogen und rückte wieder an seinen Platz. Dann schoss der nächste auf die gleiche Weise aus dem Karree heraus und nahm seinen Platz wieder ein. Und so ging es reihum. Ich möchte sagen, dass dies mit fast militärischer Präzision erfolgte. Die Größe des Ausfallkreises ist abhängig vom Abstand des Feindes und von der Art des Geländes. In der Regel waren es rund ein Dutzend Meter. Gelegentlich konnten es auch einmal hundert sein.

Während der Gefährte den Ausfall machte, schlossen die anderen die Öffnung im Karree so lange, bis der Angreifende zurückkehrte. Ein anderes Mal stießen wir auf eine Herde von dreißig Tieren. Sie nahmen das Jungwild in ihre Mitte, während die ausgewachsenen Stücke Ausfälle machten mit einer Exaktheit, als wollten sie genau Kurs halten wie auf Pfeilstrichen einer Kompassrose."