Kein Tourist kommt nahe genug

Rentier

Die Herde frißt sich derweil über die Insel. Sie ist weit auseinandergezogen, auseinandergefallen in Rudel aus drei bis fünf Tieren, als Herde nicht mehr zu erkennen. Und mit einemmal sind die im Winter genügsamen Tiere wählerisch: Sie fressen nur noch die saftigen, krautigen Pflanzen, Birkenknospen, gelegentlich auch Lemminge und Vogeleier.

Sie sind scheu: Kein Tourist kommt nahe genug heran, um sie zu fotografieren. Sie flüchten immer zum Berg hin. Und sie flüchten immer vor den Stechmücken. Stechmücken und die Dasselfliege sind ihre hauptsächlichen Plagegeister; Luchs, Vielfraß, Bär und Wolf (auf dem Festland) ihre natürlichen Feinde.

Da trampelt es über die Tundra: Ein Hirsch, aber nicht so majestätisch; das Rentier ist ein melancholischer Hirsch. Sein Geweih ist kümmerlich: lange, gebogene Stangen, über dem Schädel ein schaufelartiger Augsproß, darüber ein verzweigter Eissproß. Die Bullen werfen ihr Geweih im Frühwinter, die Kühe (Rene sind die einzige Hirschart, bei der beide Geschlechter Geweih tragen) dann im Mittsommer.

Die im Laufe des Sommers geborenen Kälber werden markiert. jede Familie hat ihre eigenen Ohrmarken (verschieden angeordnete Kerben und Löcher, in die Ohren der Kälber eingeschnitten), die weitervererbt werden. Jedes Familienmitglied, jedes Baby schon, hat seine eigenen Rentiere.

Die jungen Bullen werden eingefangen und kastriert. Dazu "läßt der Hausvater das Ren, sobald es zweieinhalb Jahre alt ist, am Horn halten, kriecht zwischen die Schenkel des Tieres und beißt in dessen Hoden, doch gerade so, daß die Haut nicht verletzt wird, wobei das Tier nicht mit den Füßen tritt" (so schrieb Carl von Linné vor bald 250 Jahren). Kastrierte Bullen lassen sich leichter zu Pack- und Zugtieren abrichten. Die Renkühe werden wenig gemolken, gerade daß es zur Milch für den Kaffee reicht.

Eigenwillige Tiere. Mißtrauisch. Kein Rudel weidet ohne sicherndes Leittier; und das wittert gut, sieht gut, hört gut. Es mißtraut seinem Hirten und relativiert damit die Domestizierung, reduziert sie auf ein Minimum. Das Rentier ist kein Haustier, es ist nicht zahm. Seine Abhängigkeit vom Menschen liegt in dem (relativen) Schutz, den der Mensch ihm bietet. Die Abhängigkeit des Menschen vom Rentier ist vergleichsweise größer: Er lebt von ihm. Das Tier bestimmt seinen Jahresablauf, (noch) sein Leben.

Ende August wird die Herde allmählich wieder zusammengeführt, dann beginnt um den 10. bis 15. September - der Übergang über den Sund. Der weite Weg nach Hause ist, in umgekehrter Richtung, der gleiche wie im Frühjahr. Aber nach und nach stoßen andere Familien mit ihren Tieren dazu, die Herde wird von Tag zu Tag größer, riesiger, ein Stangenwald aus zigtausend Geweihen. Mitte Oktober ist der große Treck am Mollisjavrek, lagert da vierzehn Tage. Dann wird die Herde wieder getrennt, und die letzten drei, vier Tage zieht die Familie allein heim ins Winterland.

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