Standbild im Fels

Kälte und Turm sind alten Steinböcken völlig gleichgültig. Auch wenn ihnen gelegentlich die Ohren erfrieren, stellen sie sich mit Vorliebe stundenlang unbeweglich auf die höchsten Bergzinnen und sind so das eigene Standbild im Fels.

Steinbock
Steinbock

Fast wäre es ohnehin so weit gekommen, daß wir dem Steinwild ein Denkmal hätten setzen müssen. Überall in den Alpen war dieses urige Bergtier so verfolgt worden, daß alle Vorkommen erloschen. Bis auf ein einziges, das wir einem Jäger verdanken. Einem königlichen Jäger allerdings, dem italienischen König Victor Emanuel 11. (1820-1878), der in den italienischen Alpen, im Gebirgsmassiv des Gran Paradiso im Aostatal, das einzige Steinwild-Reservat Europas schuf.

Es wurde so gut bewacht, daß es als einziges alle Kriegswirren überstand und später die Mutter aller Neugründungen von Steinwildkolonien in den Alpen wurde. Sämtliche Steinböcke und Steingeißen, die in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland die Eltern neuer Populationen geworden sind, stammen auf irgendeinem Wege vom Gran Paradiso.

Heute lebt der Alpensteinbock in der Schweiz und in Österreich. Man schätzt den Gesamtbestand auf 30 000 bis 40 000 Tiere. Das war und ist eine große naturschützerische und tierhegerische Leistung, wenn man bedenkt, wie die Wiedereinbürgerung dieses Alpenbewohners am Anfang des Jahrhunderts begonnen hat.

Vorher aber muß die traurige Geschichte erzählt werden, wie es um ein Haar zum Aussterben der Capra ibex, wie der Steinbock mit seinem zoologischen Namen heißt, im Alpenraum gekommen wäre. Schon in der Altsteinzeit, vor 150 000 Jahren, lebte er in den Alpen und im Schweizer Jura. Vor 20 000 Jahren gab es Steinböcke im damaligen Gletschervorland. Im Mittelalter war der Ibex ein weitverbreitetes Tier unserer Alpen. Doch bereits damals begann er aus den Zentralalpen zurückzuweichen. Allmählich schmolzen seine Bestände bis auf Null. In der Schweiz wurde der letzte Glarner Steinbock im Jahr 1550 erlegt, im Gotthard-Gebiet um 1583 der letzte geschossen, 1650 in Graubünden und um 1750 im Berner Oberland das letzte Stück getötet. Um 1850 war der Steinbock auch aus dem Wallis verschwunden.