Wundertier der Antike

Die Literatur von fast drei Jahrtausenden ist voll vom Fleiß, der Umsicht und dem sozialen Sinn der Ameisen. (Mark Twain allerdings fand ihren ruhelosen Eifer bloß hohlköpfig.)

Ameise
Ameisen - Futterübergabe der Arbeiterinnen
Ameise

Hier berichten wir davon, wie die Ameisen durch die abendländische Kulturgeschichte gekrabbelt sind.

Bei uns modernen Zeitgenossen hat die Ameise viel von ihrem Ruhm an die fleißige Biene verloren. Kein Wunder: Ameisen produzieren keinen Honig.

Bei den alten Völkern aber grenzten die "ameisernen" Fähigkeiten ans Fabelhafte. Es gibt sogar ein indisches Märchen von goldgrabenden Riesenameisen, das sich vielfältig in der griechischen Literatur spiegelt. Danach bewohnte ein Heer solch gigantischer Insekten den Berg Hymettos bei Athen. Es hütete dort Massen von Goldstaub und verteidigte ihn gegen die Angriffe der Athener. Das ist eine der vielen und sicherlich eine der ältesten Hortsagen. Die bekannteste dieser Sagen ist die vom Nibelungenhort, in der zwei Zwerge einen Goldschatz hüten, bis er ihnen von dem Recken Siegfried abgenommen wird. Mit einem Recken bekamen es auch die indischen Ameisen zu tun: Alexander der Große mußte auf seinem Zug nach Indien gegen sie antreten.

Von diesem sagenhaften Ruhm der Ameisen können sich auch die klassischen Wissenschaftler wie Aristoteles und Plinius nicht befreien. Übereinstimmend heben sie an der Ameise Fleiß, Gewandtheit und Ordnungsliebe hervor. Um diesen Ruhm zu festigen, werden viele - an sich richtige - naturwissenschaftliche Beobachtungen ungemein idealisiert. Da marschieren die kleinen Tiere wie römische Kohorten in Einer-, Zweier- oder Dreierreihen über Land; sie legen komplizierte Wege an, um die in ihre Bauten eindringenden Feinde zu verunsichern; sie schützen ihre Hügel durch Deiche vor Wassereinbruch; sie kennen keinen Winterschlaf, und ihr Fleiß läßt sie auch in mondhellen Nächten nicht ruhen. Die einzige Pause im 24-Stunden-Tag der klassischen Ameisen sind die Neumondnächte.

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