Die Jungfer mit den Flügeln

Einem Laien ist zu verzeihen, wenn er eine Ameisenjungfer mit einer Libelle verwechselt. Beide Insekten haben vier große, häutige Flügel mit einem dichten Netzwerk von Adern. Doch wie unterschiedlich ist ihr Flug!

Ameisenlöwe

Während die Großlibellen zu den schnellsten Fliegern unter den Insekten zählen - sie erreichen Geschwindigkeiten von 50 Stundenkilometer - und auch in Ruhestellung die Flügel nicht zusammenklappen, sondern stets wie Tragflächen vom Körper forthalten, ist der Flug der Ameisenjungfer langsam, flatternd und unbeholfen. Sieht man eine fliegen, dann gehört nicht viel dazu, sie mit dem Netz zu erwischen. Setzt sie sich hin, dann klappt sie sofort die Flügel zusammen und schmiegt ihren schlanken, dünnen Hinterleib so eng an den Grashalm, daß man sie kaum mehr sieht. Wie verschieden ist auch ihre Gestalt von der ihrer Larve!

Während ihres kurzen, nur wenige Wochen dauernden Lebens ist die Ameisenjungfer wie ihre Larve ein Räuber. Sie fängt andere Insekten, ist aber lange nicht so gefräßig wie der kleine Löwe: sie hält streng auf ihre Figur.

Ameisenlöwe

Allen Blicken verborgen hat sich die Verwandlung vom Löwen zur Jungfer vollzogen. Wenn der Ameisenlöwe am Grunde seines Trichters zwei oder gar drei Jahre genügend Beute gemacht hat und voll ausgewachsen ist, baut er sich einen seidenartigen Kokon, der mit einer aus Sandkörnchen verklebten Schicht paniert wird. Darin entwickelt sich die Larve zu einer Puppe; das heißt, in der starken Chitinhülle lösen sich die Organe der Larve auf, und es bilden sich die Organe des ausgewachsenen Insekts. Natürlich haben in dem etwa zwei Zentimeter großen Kügelchen die Flügel keinen Platz. Sie entfalten sich erst, wenn die Jungfer nach einer Puppenruhe von zwei Wochen ihrem Tönnchen entstiegen ist. Dazu pumpt sie Blut in das Adernetz, das die Tragflächen ausspannt. Einige Zeit später trocknen sie und erhärten - erst dann können sie zum flatternden Fliegen verwendet werden.