Das Weibchen legt mehrere hundert Eier

Aber woher kam der ganze Schwarm am Dachfenster? Die Tierchen waren im Herbst in die offenen Fenster eingeflogen und hatten sich in den Winkeln der Dachsparren versteckt.

Gegen Kälte sind sie nicht empfindlich, sie müssen sogar Kälte haben. Dann werden ihre Lebensfunktionen auf ein Minimum herabgesetzt. Im Frühling erwachen sie durch die Wärme zu neuem Leben. Verbrächten sie den Winter in geheizten Räumen, so würden die Funktionen weiterlaufen, die Energie würde verbraucht und sie müßten sterben, bevor sie ausfliegen könnten.

Neben ihrer Schönheit verdienen die Florfliegen unsere besondere Zuneigung dafür, daß sie und ihre Larven Blattläuse fressen. Damit sie in unserem Garten gegen diese Schädlinge tätig werden können, machten wir die Fenster auf, um sie hinauszulassen. Als wir am nächsten Morgen nachschauten, waren alle fort. Und meinem Neffen versprach ich: "Bei deinem nächsten Besuch zeige ich dir etwas Besonderes aus dem Leben der Florfliegen: Eier am Stiel!"

Es war Mai geworden. Seit März hatten wir kaum noch Florfliegen zu Gesicht bekommen. Man muß schon genau hinsehen, um diese grasgrünen zarten Tierchen auf den grünen Blättern, auf denen sie sitzen, zu entdecken - sie sind gut getarnt."Wollen wir die Eier suchen?" Mein Neffe war gleich bei der Sache. Ich erklärte ihm, daß wir am besten auf den Blattunterseiten der Johannisbeersträucher suchen sollten. Man könnte sie auch bei den Stachelbeeren finden, doch wer läßt sich schon gern stechen? Trotz seiner guten Augen und trotz genauer Beschreibung, was er suchen sollte, fand er nichts. Als ich ein Gelege entdeckte, zeigte ich es ihm. Eier? Da waren ja nur haarfeine, fünf bis sechs Millimeter lange Stielchen mit einem nicht einmal stecknadelkopfgroßen Köpfchen darauf - Eier am Stiel!

Nach der Eiablage - ein Weibchen legt mehrere hundert Eier - stehen die gestielten Eier kolonieweise an den Blattunterseiten. Nachdem sich die Larve vier bis 15 Tage im Ei entwickelt hat, platzt die Hülle, und der kleine, zwei Millimeter lange Räuber läßt sich am Stiel herab. Wie seine Eltern sucht er nach Opfern - vor allem nach Blattläusen, doch frißt er auch alle anderen kleinen Insekten, die er überwältigen kann. Würden nun die Eier seiner Art nicht auf Stielchen sitzen, sondern einfach am Blatt angeklebt sein, dann würde unser Lärvchen sofort zum Geschwistermörder. Die auf dem Stiel sitzenden, noch nicht geschlüpften Eier sind vor ihm sicher - auch vor anderen Feinden, die auf dem Blatt nach kleiner Beute suchen.

Hier sehen Sie die Eier, die an langen Stielen sitzen. Die Vergrößerung täuscht: jedes der Stielchen ist nur fünf bis sechs Millimeter lang. Sie kommen zustande, indem das Weibchen zunächst mit seinem Hinterleib einen kleinen Tropfen Sekret an die Unterlage heftet und diesen, indem es den Hinterleib nach oben krümmt, zu einem Stiel auszieht - wie es Kinder mit Kaugummi machen. Obendrauf wird dann das Ei gesetzt. Auf diese etwas komplizierte Weise legt das Weibchen mehrere hundert Eier, hat dann aber die Gewähr, daß ihre Kinder ungestört ausschlüpfen können.