Fingerhakeln mit den Beinen

Gerade kam ich mal wieder im richtigen Augenblick bei meiner Frau und den Männern vorbei, als sich eine packende Szene abspielte.

Ein Männchen hatte seinen Platz verlassen, war ein oder zwei Meter geflogen und an dem Grashalm, an dem es gelandet war, emporgeklettert. An diesem Halm saß oben bereits ein Artgenosse in "Hab-Acht-Stellung". Auf seinem Weg hinauf stupste der Emporkömmling nun unter den Bauch des anderen, der blitzschnell reagierte und den Fremden umfasste. Dann sahen wir nur noch ein ungestümes Gerangel. Erst bei Analysen der Filmaufnahmen erkannten wir später, dass jeder beim anderen Kopulationsversuche machte. Allmählich ließ das Temperament, das wir ihnen zuvor gar nicht zugetraut hatten, nach: schließlich saßen sie am Grashalm einander gegenüber. Nun aber ging es erst richtig los. Offenbar hatten die beiden erst jetzt erkannt, dass sie keine Partner, sondern Rivalen waren. Heftig zogen und drückten sie sich gegenseitig hin und her, dass das Gras schwankte. Da sie dabei die Krallen ihrer starken Hinterbeine ineinander verhakt hatten, wirkte das Ganze wie Fingerhakeln. Und genauso wie die Krafterprober in Oberbayern erkannten auch unsere türkisblauen Käfer am Ziehen, wer der Stärkere war. Der Unterlegene flog danach ab, um sich einen anderen Halm zu suchen.

Anderthalb Stunden mochten vergangen sein: für meine Frau keine angenehme Zeit, denn an der windgeschützten Stelle herrschten sicher 40 Grad im Schatten, und Stechmücken gab es auch. Doch das war nicht der Grund, dass ich sie aus einiger Entfernung ärgerlich schimpfen hörte. Ich eilte zu ihr - was war geschehen? Kaum einen Meter von ihr entfernt war aus der Laubschicht am Boden endlich das erste Hoplia-Weibchen einen Grashalm emporgeklettert. An der Spitze angekommen, hatte es mit erhobenen Fühlern in die Runde geschaut und sich wieder zu Boden fallen lassen - noch bevor meine Frau es hatte filmen können. Dort, wohin das Weibchen gefallen war, suchten wir nun in den Schichten von trockenen und vergehenden Grashalmen und Schilfblättern nach ihm - vergeblich. Also mussten wir weiter warten. Nach nicht einmal fünf Minuten stieg offenbar dasselbe Weibchen 20 oder 30 Zentimeter entfernt wieder an einem Grashalm empor. Nun klappte die Einstellung mit der Kamera. Der Film zeigt, wie das Weibchen bis zur Spitze des Halms kletterte und sich nach kurzem Verharren abermals zu Boden fallen ließ.