Einhorn

Er war schon am Aussterben, der Nashornkäfer. Aber er hat sich neue Brutstätten gesucht. Und so überlebte er.

Nashornkäfer
Früher war bei uns kein Mangel an diesen Käfern. Ein Zoologiebuch von 1880 spricht ganz selbstverständlich von "unserem Nashornkäfer" und behandelt ihn noch vor dem Hirschkäfer. Dann aber galt der schöne und unschädliche Käfer fast als ausgestorben. Jetzt scheint er sich wieder zu vermehren.
Nashornkäfer

Im Winter 1964 bekam ich aus dem Ruhrgebiet eine entomologische Sensationsmeldung! Zwei Jungen hatten eine ungewöhnliche Entdeckung gemacht; einer davon war mein Neffe. Er hatte an einem milden, sonnigen Februarnachmittag einen Klassenkameraden besucht, dessen Eltern einen Bauernhof bei Bochum besaßen.

Die beiden spielten auf der großen Wiese vor dem Haus Fußball. Mit von der Partie war Locki, eine Mischung aus allen möglichen Hunderassen; an seinen kurzen, krummen Beinen war höchstens noch der Dackel zu erkennen. Nach den langen Wintertagen hinter dem Ofen machte es ihm Spaß, hinter dem Ball herzulaufen. Nach einiger Zeit war er es jedoch leid und trottete davon. Die beiden Fußballer entdeckten ihn am Rand eines alten Strohhaufens, der schon jahrelang an einer Ecke des Hofplatzes lag. In seinem unteren Teil war er bereits meterdick feucht geworden.

"Fängt der Locki Mäuse?" fragte Udo seinen Freund. Der Hund scharrte mit den Vorderpfoten wie besessen in der Moderschicht. Plötzlich biss er zu, hatte etwas im Maul und schlug mit dem Kopf hin und her, wie es Hunde zu tun pflegen, die Beute gemacht haben. Doch eine Maus war es nicht.

Die beiden Jungen kamen gerade zu Locki, als er seinen Leckerbissen - etwas Längliches, Weißliches - verspeiste. Es hatte ihm so gut geschmeckt, dass er weiterscharrte und einen zusammengerollten "etwa faustgroßen Engerling" hervorholte, wie mir am Abend meine Schwägerin am Telefon erzählte.

Zu Ostern - beschloss ich - würde ich mir diesen Strohhaufen einmal genauer anschauen. Aber schon jetzt wusste ich, was es dort Ungewöhnliches gab.

Engerlinge sind die typischen Larven der Blatthornkäfer (Scarabaeidae), unter denen die der Maikäfer am bekanntesten sind. Hatte man mir jetzt "faustgroße" Engerlinge aufgetischt, so handelt es sich gewiss um größere Arten als Maikäfer. Die größten heimischen Käfer aus dieser Verwandtschaft sind Hirschkäfer und Nashornkäfer. Von diesen beiden konnte es der Hirschkäfer jedoch nicht sein, da seine Larven in alten Baumstümpfen leben. Der Lebensraum des Fundplatzes sprach für den Nashornkäfer. "Faustgroß" allerdings passte nicht. Gewiss, die Nashornkäfer-Engerlinge sind unförmig dicke Kerle, die übertriebene Vorstellungen wecken können. Doch schließlich haben auch Säuglinge schon Fäuste; die Größe konnte etwa stimmen.

Bis dahin hatte ich - wenigstens in Mitteleuropa - nur wenige Nashornkäfer lebend zu Gesicht bekommen. Ich konnte sie an den Fingern einer Hand abzählen, Nicht so im Mittelmeerraum. Da gibt es sie zur Flugzeit von Juni bis August überall dort, wo morsches Holz vorkommt, denn darin entwickeln sich die Larven.