Tauchende Verwandtschaft: Wasserspitzmaus

Ich hatte später noch einen zweiten Gast aus der Verwandtschaft im Terrarium, eine Wasserspitzmaus.

Ich fand sie beim Tümpeln in einem Wassergraben. Eigentlich suchte ich Wasserinsekten, als ich einen rostigen Eimer aus dem Wasser hob - aber eine geschmackvoll in schwarzweißen Samt gekleidete Wasserspitzmaus saß darin. Ich nahm sie mit und setzte sie auf eine geräumige Insel in meinem Aquarium. Sofort stürzte sie sich ins Wasser und wirbelte in wenigen Sekunden den ganzen Inhalt durcheinander. Sie ist viel leichter als das Wasser, weil sie in ihrem Pelz eine Luftschicht mit in die Tiefe nimmt. Darum muß sie mit rasendem Beinpaddeln ständig gegen den Auftrieb kämpfen.

Auch die Wasserspitzmaus war von der ersten Minute an bei mir zu Hause. Mich selbst beachtete sie nicht und ging gleich an die Arbeit: Sie begann, alle Insassen aus dem Aquarium herauszufangen und aufzufressen. Sie ist ein wilder Räuber, der nicht eher ruht, als bis alles Freßbare vertilgt ist. Ihre Reißzähne sind spitz und hakig gebogen, sie stehen weit vorne im Maul und werden ähnlich benützt wie der Hakenschnabel einer Eule oder eines Greifvogels: Sie werden in die Beute geschlagen und dann zurückgerissen.

Die Wasserspitzmaus ist der kleinste Warmblüter, der regelmäßig ins Wasser geht. Noch kleinere würden dort zu viel Wärme verlieren. Auch die Natur muß rentabel rechnen: Die Energieeinnahmen in Form von Futter müssen immer ausreichen, um die Ausgaben - den Energieverbrauch - zu decken. Auch die Wasserspitzmaus kann nur für kurze Zeit ins Wasser. Danach zieht sie sich in ihr Moosnest zurück, um sich zu trocknen, das Wasser ans dem Fell zu reiben und sich aufzuwärmen.

Spitzmaus

Die Spitzmaus in der Antike

Bei den alten Römern schrieb man den Spitzmäusen zwar auch noch Übersinnliches zu, aber man verehrte sie nicht gerade: Ihr Quieken galt als böses Vorzeichen. In zahlreichen Jahrbüchern hielten fleißige Chronisten fest, wie viele schlimme Ereignisse durch die Spitzmäuse herbeigezwitschert wurden. Der Diktator Quintus Fabius Maximus mußte im vierten Jahrhundert v. Chr. sein Amt niederlegen, weil die Tierchen ihn anquiekten, und dem Reitergeneral Cajus Flaminius ging es ebenso. Außerdem hielten sowohl die Griechen als auch die Römer den Biß der Spitzmaus für außerordentlich giftig, und man gab sich große Mühe, wirksame Gegengifte zu erfinden - zum Beispiel Lamms-Lab in Wein, mit der Asche eines Widderhufs vermischt. Am besten half freilich, eine tote Spitzmaus auf die Wunde zu legen. Antike Doktoren hatten drum stets welche vorrätig - in Öl oder Lehm gepackt.