Wildlebende Siebenschläfer sieht man selten

Die Fotografen haben es alle so gemacht wie ich auch: Man hält sich Bilche zu Hause im fotogen eingerichteten Terrarium und sieht zu, dass man hier Bilder bekommt (was immer noch nicht ganz einfach ist).

Siebenschläfer (Glis glis)
Siebenschläfer (Glis glis)
Schlafmäuse

Man kann allerdings auch mit einem zahm aufgezogenen Siebenschläfer in den Wald gehen, ihn in die rechte Umgebung setzen und eindrucksvolle Fotos aus sogenannter "freier Wildbahn" mit nach Hause bringen. Den zahmen Siebenschläfer bringt man dann natürlich auch wieder mit.

Ich erzähle diese Fotografen-Intima nur, um darzutun, wie schwer es ist, einen Siebenschläfer, eine Haselmaus oder einen Gartenschläfer draußen in ihrem luftigen Biotop, in Busch oder Baum, auch nur aus geziemender Entfernung zu beobachten. Früher rühmte man sich, wenn man einen röhrenden Hirsch beim letzten Büchsenlicht vom Hochsitz aus ins Teleobjektiv bekam. Heute gibt man zu, wie kinderleicht das ist. Aber einen alten, ausgerichten, vorsichtigen Siebenschläfer im Geäst einer Eiche zu konterfeien - das wäre eine Goldmedaille auf einer Naturfoto-Ausstellung wert.

Nur zweimal bin ich (nichtschlafenden) Siebenschläfern in freier Natur begegnet. Beide Male geschah es im südschweizerischen Kanton Tessin, der mit seinem milden Klima und seinen großen Beständen an alten Eichen und Esskastanien ein Dorado für alle kleinen Nagetiere ist. Die erste Begegnung jagte mir - ohne jeden Grund - ziemlichen Schrecken ein. Wir hatten unser Reise-, Wohn- und Schlafmobil in einem Nebenweg unter einer großen Eiche geparkt und schliefen selig, als wir plötzlich an einem Knall erwachten. Irgendein Halbstarker musste einen Stein aufs Kunststoffdach unseres Wagens geworfen haben. Ich nahm die Taschenlampe, stieg aus und stocherte mit dem Lichtstrahl in der Gegend herum. Niemand weit und breit! Nur aus dem Eichenbaumgeäst kam ein Wispern und Gefiepe. Im Strahl der Taschenlampe saßen da etliche Siebenschläfer, hielten große grüne Eicheln in den Vorderpfoten, knabberten dran herum und ließen dann die Dinger wie Bomben herunterfallen. Eine der grünen Bomben hatte auf dem Wagendach aufgeschlagen. Aber nicht lange ließen sich die grauhaarigen Bombenwerfer im Scheinwerferlicht betrachten. Nach wenigen Sekunden begaben sie sich in den toten Winkel auf der Rückseite der Äste. Nur das Wispern verriet noch ihre Anwesenheit.

Die zweite Begegnung mit Siebenschläfern war ebenso komisch wie ärgerlich. Ärgerlich, weil ich keine Kamera mithatte. Aber wer schleppt schon seine Kanonen mit zum Abendessen? Wir saßen in einem malerischen "Grotto", wie die Tessiner ihre Sommergaststätten nennen; wir saßen draußen auf der von alten knorrigen Weinstöcken bewachsenen Terrasse und schlangen Spaghetti um die Gabeln, nahmen auch dies oder jenes Schlücklein vom Nostrano, als ich plötzlich vermeinte, auf dem Rebholz zwei Meter vor mir an der Balustrade einen Siebenschläfer sitzen zu sehen. Ich gab ein Zeichen, und wir ließen Gabeln und Gläser sinken. Nicht nur ein Siebenschläfer turnte da im Weinstockgeäst - drei waren es und offensichtlich so in Liebe verstrickt, dass sie der tafelnden Menschen nicht achteten. Die grauen Burschen mit den prächtigen, eichhörnchenähnlichen Schwänzen spielten ein lustbetontes, mit Fiepen begleitetes Haschen unter dem tiefblauen Tessiner Abendhimmel. Bisweilen blieben sie sitzen, putzten sich und sahen uns aus ihren großen schwarzen Knopfaugen an. Und ich hatte die Kamera im Auto!

Sonst habe ich wildlebende Siebenschläfer nur gehört, nicht gesehen. In einem alten Haus, in einem schönen Sequoienpark in Stuttgarts Halbhöhenlage, waren wir zu Besuch, als am Abend auf dem Dachboden ein Rumoren, ein Hin- und Herrennen, ein Kratzen anhub, wie man das im schönsten Geisterfilm nicht besser hörbar machen kann. Die Hausfrau zog ein leidvolles Gesicht und berichtete von dem Schabernack, den ihr ein Volk von Siebenschläfern, das im Dachboden lebte, antat. Sie konnte nicht in die Speisekammer, ohne einem knabbernden Bilch zu begegnen. Die bedauernswerte Dame hatte eine solche Siebenschläferphobie entwickelt, dass sie sich kaum noch traute, den Deckel von einem ihrer Töpfe zu nehmen. Sie schwor, es säße ein Siebenschläfer im Eintopf. Und säße er wirklich, so stünde er unter Naturschutz!