In flachem Wasser geht er aufrecht

Es gibt nur eine einzige Gelegenheit. da kann der Seehund aufrecht auf den Hinterfüßen gehen, wie ein Zweibeiner: in flachem Wasser, das gerade so tief wie das Tier lang im. Und da geht er auch so.

Seehund

Das Watt ist ein ideales Revier für Seehunde. Nach den Gezeiten, zweimal am Tag. bei ablaufendern Wasser, fallen Sandbänke trocken. Sie sind abgelegen, nur mit Booten erreichbar. Da robbt er hinauf, ruht und sonnt sich rudelweise. Das ist sein festes Land: amphibisches Land. Und das ist seine Siesta-Zeit: Niedrigwasser (Ebbe). Auf Jagd geht er zur Hochwasserzeit (Flut). Weil er aber ein Tagraubtier ist und die Tiden sich täglich um (grob) 25 Minuten verspäten, kommt er immer wieder - wenn nämlich das Hochwasser erst mittags eintritt - nur zu einer Mahlzeit am Tag.

Auf diesen Sänden, die nie hoch werden, bloß weit, da faulenzt er. Er braucht diese Ruhezeit. Auf diesen Sänden werden auch - zwischen zwei Hochwassern - die Jungen gesetzt. Und auf diesen Sänden erschlugen sie ihn. Das ist immer so gewesen. Die Männer schlichen sich an ein ruhendes Seehundrudel an und schlugen die Tiere mit Knüppeln tot. Nach einer Amrumer Chronik schaffte Anno 1855 ein (Herr) Martinen ganz allein 90 Stück. Es ging ums Fell, um den ausgekochten Tran für Lampen, um die Leber; die ganz Armen verzehrten auch das Fleisch, geräuchert. Dieser Totschlag war keine Jagd; der Seehund war überhaupt kein Jagdwild, war vogelfrei. Bis 1934. Da erst kam er in den Schutz des Jagdgesetzes, es gab keine Hetz- und Netzjagd mehr; da wurde er amtlicherseits wahr- und ernstgenommen und fortan ordnungsgemäß "bejagt".

Vor die Jagd hatten die Behörden die Zählung gesetzt. 1500 Seehunde addierten die Zähler 1937/38 in den deutschen Watten zwischen Borkurn und List: 700 zwischen Ems und Elbe, 800 zwischen Elbe und dänischer Grenze. Wahrscheinlich ist damals schludrig gezählt worden, denn schon ein Jahr später kam man auf 3000 Tiere. So schnell vermehren sich Seehunde nicht. So einfach lassen sie sich aber auch nicht zählen.

Im Dorumer Tief, als die jungen Seehunde gerade geboren waren, liefen wir mit fünf Kuttern aus. Fuhren anderthalb Stunden, dümpelten draußen noch eine Stunde, warteten, daß die Sande trockenfielen. Der Herr Kreisjägermeister an Bord und noch ein paar Jäger. So allmählich hoben sich breite, helle Buckel aus dem Wasser: die Sandbänke. Wir kriegten die Gläser nicht mehr von den Augen, suchten, zählten: zwölf ... vierzehn ... zwanzig ... ("keine schwimmenden Hunde zählen!" rief der Herr Kreisjägermeister) ... achtundzwanzig ... vierzig ...

Auf dem auslaufenden Zipfel der Sandbank lag noch ein Rudel, dicht an dicht. Die dunklen Punkte, das waren die noch nassen Hunde. Wenn sie länger auf dem Sand sind, trocknet der zuerst schwarzglänzende Pelz und wird heller, grau. Wenn man genau hinsah, konnte man hinter jedem Tier eine Gleitbahn im Sand sehen. Die Hunde rutschen dem fallenden Wasser nach. sind nie weit vom Flutsaum. Wir trieben näher. Und mit einemmal geriet die ganze Sandbank in Bewegung, sie rutschte, verschob sich, -zig Hunde klatschten ins Wasser. Dunkle Kugelköpfe tanzten auf der See; sie hatten einen Schnauzbart und melancholische Gesichter. Und Seehund-Mamis schwammen mit Seehund-Babys dicht außenbords vorbei.