Reißt er beim Rufen den Schnabel auf?

Das ist schon mal der weit verbreitete Irrtum Nummer eins: daß der Kuckuck beim Rufen den Schnabel aufreißt. Er tut es nicht, jedenfalls nicht sichtbar.

Kuckuck

Lange konnte man sich darüber in Fachkreisen nicht einigen. Es gab Augenzeugen, die bekundeten, der Schnabel bleibe geschlossen. Andere behaupteten, er werde etwas geöffnet. Der Widerspruch ist verständlich, denn in Wirklichkeit wird der Schnabel bei der ersten Silbe des "Kuck-Kuck" ganz wenig geöffnet, bei der zweiten ist er geschlossen. Dies kann man nur erkennen, wenn man den Kuckuck beim Rufen aus nächster Nähe beobachtet. Das aber ist fast nur bei der Haltung im Käfig möglich. Sieht man den Kuckuck draußen, so kann man das geringfügige öffnen des Schnabels überhaupt nicht wahrnehmen. Eines jedoch ist ganz sicher: Sämtliche Darstellungen und Aufnahmen, die den angeblich rufenden Kuckuck mit weit offenem Schnabel zeigen, sind falsch. Fotos, die das zeigen, bilden ausgestopfte Präparate ab.

Kuckuck
Kuckuck

Es gibt ein zweites, gleichfalls untrügliches Zeichen dafür, ob ein Fotograf oder Maler ein lebendes oder ein präpariertes Modell vor sich hatte. Der freilebende Kuckuck hat nämlich einen leuchtend orangegefärbten, unbefiederten Hautring ums Auge. Beim Stopfpräparat ist dieser Ring eingetrocknet und nicht mehr sichtbar. Viele Darstellungen des Kuckucks in Bestimmungsbüchern - und das ist Irrtum Nummer zwei - wurden nach Stopfpräparaten angefertigt. Denn überall fehlt der auffallende Augenring.

Auch über die Rufe des Kuckkucks war man sich lange Zeit nicht klar. Man wußte nur, daß das Männchen "Kuckuck- ruft und die Weibchen "kichern", und man dachte, dies sei ein untrügliches Unterscheidungsmerkmal. Wieder ein Irrtum: Als es gelang, Kuckucke jahrelang im Käfig zu halten, ergab sich, daß auch die Männchen kichern können - allerdings etwas tiefer als die Weibchen und fast ausschließlich außerhalb der Fortpflanzungszeit, also dann. wenn sie den "Kuckucks"-Ruf nicht hören lassen.

Irrtum Nummer vier: In den meisten bebilderten Aufsätzen über den Kuckuck finden sich farbige Abbildungen, die zeigen, wie sehr die Kuckuckseier den Eiern der Wirtsvögel gleichen. Dabei sieht man als Beispiel das blaue Kuckucksei neben dem gleichfarbigen Ei des Gartenrotschwanzes aus Finnland oder das gefleckte Kuckucksei, gleichfalls aus Finnland, das dem des dortigen Bergfinken gleicht. Ähnlich gut ist die Übereinstimmung des Kuckuckseies mit dem des Drosselrohrsängers in Ungarn; unter Umständen paßt auch das Ei eines deutschen Kuckucks gut zu dem der Bachstelze.

Kuckuckseier waren jahrzehntelang das begehrteste Objekt von Eiersammlern. So gibt es in einem deutschen Museum über tausend Kuckuckseier. Betrachtet man diese zahlreichen Eier, so ist leicht zu erkennen, daß die so häufig dargestellten, den Wirtsvogeleiern ähnlichen Kuckuckseier gar nicht die Regel sind. Sie stellen eine Auslese der Sammler dar. Vor allem in Mitteleuropa könnte man ebenso leicht unähnliche Kuckuckseier zusammenstellen!