Sie finden ihr Versteck unter hohem Schnee

Unser einheimischer Tannenhäher, der zum Beispiel in Skandinavien, aber auch im Harz, im Thüringer und Bayerischen Wald sowie im Schwarzwald lebt, führt das Jahr über ein unscheinbares Dasein.

Er fällt den wenigsten Menschen auf. Im Herbst aber ist er plötzlich in unseren Gärten und zwischen den Häusern anzutreffen. Überall hört man dann seine rollenden und weitschallenden Rufe. Manchmal erregt er auch Ärgernis: Die Tannenhäher sind dann bei der Haselnußernte, und wer nicht zugreift und seine Haselnüsse selbst pflückt, findet den Haselstrauch bald geleert vor.

Tannenhäher

Es ist nicht so, daß die Tannenhäher plötzlich einen riesigen Appetit entwickelt hätten. Sie sammeln die Haselnüsse als Vorrat. Dazu verschwinden die Nüsse - noch in der Schale - zunächst im Kehlsack der Vögel (den man nicht mit dem Kropf der Tauben und Hühner verwechseln darf). Ist der Kehlsack prall gefüllt (er steht dann richtiggehend ab), so fliegt der Vogel in sein Brutrevier im Wald zurück, hüpft dort auf den Boden, schlägt mit dem Schnabel ein Loch und läßt die Haselnüsse hineingleiten. Rechts und links packt er Steinchen, Erde oder Blätter und deckt das Loch im Boden sorgfältig zu. Dann geht es in einem neuen - oft kilometerlangen Flug zurück zum Haselbusch.

Dies treibt der Tannenhäher nicht nur einige Male so. Wochenlang beherrscht ihn nur der eine Trieb, Vorrat zu sammeln. Natürlich werden nicht nur die in Gärten angepflanzten Haselbüsche geleert, sondern auch die wilden Haselhecken an Waldrändern und Bachläufen. Da es im Brutgebiet oft gar keine Haselnüsse gibt, müssen die Häher weite Strecken zurücklegen.

Es handelt sich um Wintervorrat, natürlich. Aber warum versteckt der Vogel ihn im Boden? In seinen hochgelegenen Brutgebieten liegt den Winter über doch meist Schnee. Der Tannenhäher kommt ja nie an seine Vorratskammer!

So sollte man meinen, aber das täuscht. Der Tannenhäher besitzt - wie man neuerdings festgestellt hat - ein unglaublich gutes Ortsgedächtnis. Er findet seine Versteckplätze nicht nur auf dem kahlen Waldboden wieder, sondern sogar unter meterhohem Schnee. Er gräbt dann durch den Schnee hindurch eine Höhle bis zum Boden, schlägt die gefrorene Erde auf und trifft haargenau das Versteck. Ein schwedischer Forscher hat bei einer Untersuchung festgestellt, daß die Vögel zu 86 Prozent ihre Haselnüsse fanden; als Beweis lagen die leeren Schalen neben den Löchern. Aber der Tannenhäher sorgt mit diesem Vorrat nicht nur für sich selbst, sondern auch für den Nachwuchs. Der Vogel brütet ungewöhnlich früh. Er baut im allgemeinen schon im März sein Nest und hat im April Junge - zu einer Zeit, da in den Bergen meist noch Schnee den Boden bedeckt. Auch die Jungen werden vor allem mit diesem Nußvorrat gefüttert.