Vom Zug überfahren, gegen Lastwagen geprallt

Das Tagebuch der Uhu-Aussetzungen im oberen Donautal verzeichnet einige typische "Unfälle", denen frisch eingebürgerte Uhus zum Opfer fielen. Dr. Gerhard Haas, der damals als Leiter der Außenstelle Federsee der Vogelwarte Radolfzell für die Uhuaktionen verantwortlich war, notierte:

  • Uhuweibchen nach vierwöchigem Freiflug im kalten Nachwinterwetter erschöpft und abgemagert eingefangen und in den Käfig zurückgebracht.
  • Junguhu freigelassen, nahm noch vier Tage lang ausgelegte Futtertiere an, wurde nach sechs Tagen frischtot als Eisenbahnopfer gefunden. (Dieser Uhu hatte sich am Bahndamm bei Hausen im Donautal auf den Schienen niedergelassen, um den dort zahlreich vorkommenden Mäusen nachzustellen. Er hatte diesen Platz, als die Lichter des Zuges auf ihn zukamen, nicht verlassen. Eisenbahnzüge sind im Verhaltensmuster von Uhus nicht vorgesehen.)
  • Junges Weibchen ausgesetzt. Hatte Rufkontakt zum Elterngehege, nahm Futter an. Wurde nach acht Tagen mit gebrochenem rechten Flügel tot aufgefunden. Drahtopfer.
  • Uhuweibchen mit gebrochenem Flügel aufgefunden. Auch dieser Vogel war auf den Schienen gesessen und von der Diesellok in den Graben geschleudert worden.
  • Uhuweibchen in gutem Ernährungszustand tot am Bahndamm zwischen Mülheim und Fridingen gefunden.
  • Totfund eines Weibchens bei Neustadt im Schwarzwald. Auf der Landstraße von Kraftwagen erfasst worden.
  • Männchen bei Hechingen gegen einen Lastwagen geprallt und tot.
Uhu

Die Liste der Rückschläge ließe sich noch seitenweise fortführen. Man kann sich vorstellen, wie Leuten zumute sein muss, die sich dem Erhalt des Uhus in unserer Wildbahn verschrieben haben, die das Glück hatten, Junguhus von ihren Altpaaren zu bekommen, die jungen Tiere in geeignetes Gelände entließen und dann immer wieder Hiobsbotschaften entgegennehmen mussten, dass ihre Vögel den Tod gefunden hatten. Soll man denn aufhören mit dem Wiedereinbürgern?

Niemand weiß hier eine kompetente Antwort. Wer pessimistisch ist, argumentiert, dass die größte deutsche Eule kaum mehr vor dem Aussterben zu retten sei. Optimisten hoffen auf einige noch brauchbare "ökologische Nischen" für den Uhu in unserer Landschaft. Die Rettungsversuche werden sicherlich weitergeführt werden.

Zum Abschluss darf ich als Ausgleich für die traurige Aufzählung von Unglücksfällen aber noch ein Bild setzen, das ich in meinem Leben nicht vergessen werde. Es war auf einer Uhu-Exkursion in die Fränkische Schweiz, an der ich auf Einladung der Vogelwarte Radolfzell teilnahm. Es sollten Tonaufnahmen von rufenden Wilduhus gemacht werden, außerdem wollten wir einige Uhuhorste des vergangenen Jahres besuchen und Gewölle samt Igelbälgen aufsammeln. Doch dies war nicht das Einmalige, obwohl wir das Glück hatten, einen aufgeregt rufenden Uhumann auf drei Meter Entfernung am Brutfelsen vorbeifliegen zu sehen. Aber etwas anderes haben wohl noch nicht viele Menschen beobachten dürfen: eine Uhu-Hochzeit in freier Wildbahn.