Signal für die Zukunft des Menschen

Ist man romantisch veranlagt, könnte man sagen: Der König der Nacht ist eine zoologische Nostalgie, Gruß aus einer Zeit, als es noch viel Natur und weniger Menschen gab.

Uhu

Das mag schon sein, doch wäre als kritische Folgerung anzumerken: Ein Tier, das in unserer jetzigen Welt nicht mehr leben kann, ist ein Vorzeichen und Signal auch für die Zukunft des Menschen. Jede aussterbende Tierart beweist, dass die Ökologie eines Lebensraums gestört ist. Dies wird auch uns Menschen interessieren müssen, und man darf wohl als sicher annehmen, dass ökologische Probleme in kommenden Jahrzehnten zur wichtigsten Lebensfrage werden. Gesundheit und Leben werden wichtiger als Geld und Umsatz. Wenn auch der Deutsche Bundestag nicht vom Uhu reden wird (oder vielleicht doch einmal?), dann sicher aber von jenem natürlichen Lebensraum, der der heutigen Generation Tag für Tag verlorengeht.

Es ist dem Uhu nicht gegeben, sich etwa wie der Allerweltskerl Waldkauz auf dem nächsten Kirchturm oder in einer Häusernische einzunisten und mit der Zivilisation in Tuchfühlung zu leben.

Die Gefährdung des Uhubestandes kommt vom Mangel an unberührter Natur; viele Menschen wissen und spüren das, und es hat deshalb nicht an Versuchen gefehlt, dieser legendären Vogelgestalt einen Platz in unserer zunehmend verarmenden Wildbahn zu erhalten.

Wir werden auf die Wiedereinbürgerungsversuche des Uhus in Deutschland zu sprechen kommen und sehen, um wieviel schwerer es ist, eine Tierart zu retten, als sie auszurotten. Gleich an dieser Stelle sei aber vermerkt: Die Jäger unserer Tage sind keineswegs daran schuld, dass der Uhubestand zurückgeht. Im Gegenteil - die Jägerschaft hat hohen Anteil am modernen Uhuschutz. Nicht das Blei, das aus Flinten flog, war des Uhus Tod. Es war das Blei, das aus Millionen von Auspuffrohren die Natur vergiftete.

Doch immerhin: Es leben wieder etwa 1500 Uhupaare in der Bundesrepublik. Und jeder Zoo, jeder Falkenhof hält sein obligates Uhupaar (leider tragen sie dazu bei, den Uhubestand anderer Länder, woher die Vögel eingeführt worden sind, zu schwächen). Es ist also Gelegenheit geboten, die Großeule in Ruhe aus der Nähe zu betrachten. Kommen wir dem Uhu allerdings zu nahe, wird er uns mit einem ärgerlichen Schnabelknappen erschrecken, und er wird seine am Kopf anliegenden Federohren steil in die Höhe stellen. Federohren? Schon falsch, die beiden Büschel am Uhukopf haben mit den eigentlichen Ohren nichts zu tun, sie sind reiner Schmuck. Die Ohrklappen der Eulen sitzen ein Stück unterhalb dieser Federbüschel und erhalten akustische Unterstützung durch den Federnkranz des Gesichtsschleiers, der als eine Art Schalltrichter fungiert. Wie der Mensch, so ortet auch der Uhu Richtung und Entfernung der Geräusche, indem er den Unterschied ihres zeitlichen Eintreffens in den beiden seitlichen Ohren auswertet. Das Auffälligste am Uhukopf sind jedoch die großen, bernstein- und orangegelben Feueraugen, die uns unbeweglich anblicken. Wie alle Eulen kann auch der Uhu seine Augäpfel nicht hin- und herwandern lassen. Er muss, will er seitlich etwas sehen, den großen runden Kopf drehen. Diese Drehmöglichkeit ist bei ihm wie bei allen Eulen extrem ausgebildet, sie erlaubt eine Kopfbewegung genau nach hinten, oft noch weiter. Das große Uhu-Auge ist teleskopartig gebaut und sehr lichtstark; es kann (auf Kosten der Farberkennung) noch in tiefer Dämmerung sehen. Die Farben der Uhufedern gleichen denen der viel kleineren Waldohreule, zeigen Rotbraun, Gelb und Grau; die feine Zeichnung ist schwarz gestrichelt und quergekritzelt. Es gibt Baumrinden, die so aussehen, und so ist der Uhu beim Tagesruhesitz im Geäst tarngefärbt. Er verschwindet auch im Felsgestein, wenn er offen (aber meist unbeweglich) sein Sonnenbad nimmt.