Nach sechs Versuchen hat das Tier begriffen

Es war eines meiner erstaunlichsten Erlebnisse, als ich in einem Wissenschaftlichen Institut in Massachusetts erlebte, wie Kraken getestet und dressiert wurden.

Krake

Unter allen Weichtieren, die insgesamt ja auf einer relativ niederen Entwicklungsstufe stehen, verfügen Kraken offenbar über einen besonders hohen Grad an tierischer Intelligenz. Rein physiologisch - also von ihrer Körperbeschaffenheit her - ist ihr Gehirn sehr ausgeprägt. Es gliedert sich in dreißig gut voneinander unterscheidbare Lappen, von denen man genau weiß, welche Aufgaben sie haben. Die einen kontrollieren die Bewegungen, andere das Kreislaufsystem und wieder andere die Freßvorgänge. Zwei Lappen verarbeiten die optischen Reize, zwei andere die Tastempfindungen, die von den acht Armen ausgehen.

Tastempfindung und optische Fähigkeiten sind übrigens bei Kraken - vor allem beim Octopus vulgaris - hervorragend entwickelt. Auch ihre Lernfähigkeit ist - gemessen an den Fähigkeiten anderer Weichtiere - erstaunlich.

Es gibt da ein klassisches Experiment: Man führt einem hungrigen Kraken eine Krabbe vor. Natürlich stürzt er sich auf sie. Gibt man ihm dabei einen harmlosen elektrischen Schlag, so fühlt er sich bestraft und lernt sehr schnell: Diese Krabbe ist nichts für dich!

Man kann den Lernvorgang verfeinern, indem man neben die Krabbe ein rechteckiges Stück Karton hält. Bekommt der Krake nur dann einen Schlag, wenn der Karton auftaucht, so macht er sich bald nur noch über Krabben her, die ohne Karton ankommen.

Die nächstfeinere Stufe des Unterrichts: Man schneidet den Karton länglich und hält ihn abwechselnd hoch und quer. Schnell lernt der Krake, daß ein hochgehaltenes und ein quergehaltenes Karton-Viereck unterschiedliche Bedeutung haben. Meist sind nicht mehr als sechs Versuche nötig, bis das Tier das begriffen hat.

Versuche haben erbracht, daß Kraken viele verschiedene Formen erkennen und auseinanderhalten können. Am besten unterscheiden sie freilich den hochgehaltenen und quergehaltenen Karton.

Aber nicht nur optisch machen sie Unterschiede. Auch ihr Tastempfinden ist sehr ausgebildet. Glattere und rauhere Oberflächen können sie mit den Tastorganen an ihren Fangarmen durchaus unterscheiden und sich danach einrichten.

Außerdem: Was sie gelernt haben, behalten sie. Viele Tage lang!