Gemsen kämen auch ohne Menschen aus

Gemse

Woher nehmen die Tiere zu dieser Zeit in der unwirtlichen Gegend die unbändige Kraft? Die Gemsen finden auch im Winter ihr Futter.

Sie gehören zu den ganz wenigen Schalenwildarten, die - ließe man sie in Ruhe - ganz gut ohne die Hilfe der Menschen auskämen. Auch wenn der Schnee meterhoch liegt, brauchen Gemsen weder Futtertrog noch Raufe. Entweder sie steigen hinunter in den Alpenwald, lassen sich unter den mächtigen Schirmfichten einschneien und bringen sich mit der reichen Nahrung an Baumflechten durch, futtern Nadeln von Föhre und Weißtanne, Knospen von Eberesche, Ahorn und Buche, Blätter und Triebe der Beerensträucher. Oder aber sie steigen hinauf in die höchsten Regionen, wo an steilen Graten der Schnee immer wieder abrutscht und vom Wind abgeweht wird; die steil einfallende Sonne, vom Fels reflektiert, schafft apere Flecken. Dort oben findet "der Gratgams" das dichte Lahnergras als bestes Naturheu. Dazu kommen Flechten als Nährstoffkonzentrat, gehaltvolle Knospen und immergrüne Triebe von verborgenen Kräutern jener Pflanzengesellschaften, die sich schon mitten im Winter zum Austreiben für den kurzen Bergsommer anschicken.

Der Eingriff des Menschen in den Gamswildbestand ist - sofern er nach wildbiologischen Erkenntnissen sinnvoll geschieht - durchaus nötig. Denn in unseren Bergregionen sind natürliche Feinde der Gemsen - vor allem Luchs, Steinadler und Uhu - nur noch selten anzutreffen. In den Karpaten ist das anders, dort machen auch heute noch Wolf, Bär', Wildkatze und auch Luchs Jagd auf Gemsen.

Dort, wo das Gamswild in zu großen Scharen und auf engstem Raum zu massig auftritt (wenn es beispielsweise von einem Skizirkus zusammengedrängt wird), treten nicht selten Seuchen auf: Gamsräude, Blindheit oder Klauenseuche können innerhalb von Monaten ganze Bestände hinwegraffen. Wenn ein Tier von der Räudemilbe befallen ist, bedeutet dies ein qualvolles Sterben. Es wetzt und scheuert an Felsen und Latschen, um der Schmerz zu lindern, es magert schnell ab und geht ein.

Die größte Gefahr für die Gemsen kommt mit der zunehmenden Erschließung um Beunruhigung der Hochlagen durch Tourismus und Wintersport. Indessen gibt es auch in den Alpen noch viele - vor allem lawinengefährdete - Gebiete, die abseits der Pisten und Loipen liegen. Dort, wo es den Skiläufern zu gefährlich ist, haben Gemsen ihre Ruhe.

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