Ein Wirtschaftsfaktor

Flussaal

Der Europäische Flussaal ist nicht bloß irgendein Tier, sondern ein Wirtschaftsfaktor. Er wird in Mengen gefangen. So gibt es ein mehr als nur wissenschaftlich begründetes Interesse an der Biologie dieses Fisches.

Deshalb bekam der dänische Fisch-Wissenschaftler Johannes Schmidt im Jahr 1904 genügend Geld, um den Entstehungsort der Weidenblatt-Larven zu erforschen. Im Mittelmeer kam er damit nicht weiter, denn die Larven waren dort überall mindestens sechs Zentimeter lang. Als er aber 1910 seine Nachforschungen in den Atlantik verlegte, erwies sich, daß die Weidenblatt-Larven um so kleiner waren, je weiter südwestlich von den europäischen Küsten sie gefangen wurden. Die Spur immer kleinerer Larven führte schließlich 1922 in das Sargasso-Meer, ein Gebiet des Atlantiks südlich der Bermuda-Inseln. Dort treiben Unmassen von Tang im Wasser, das 17 Grad warm und sehr salzhaltig ist. Hier fing Johannes Schmidt in 100 bis 300 Meter Tiefe Aallarven von nur sechs Millimeter Länge, die eben erst geschlüpft sein mußten. Noch kleinere Larven oder gar ein Aal-Ei hat man aber bis heute nicht finden können.

Nach diesen Untersuchungen sind wir nun in der Lage, uns ein lückenloses Bild von der Biologie des Europäischen Flußaales zu machen. Er schlüpft als Larve aus Eiern, die in etwa 400 Meter Tiefe in dem bis zu 6000 Meter tiefen Sargasso-Meer schweben, Von dort kommen die langsam wachsenden, einem Weidenblatt mehr und mehr ähnelnden Larven mit dem Golfstrom an die europäischen Atlantikküsten. Während dieser etwa 4000 Kilometer langen Reise wächst die Weidenblatt-Larve bis auf 75 Millimeter Länge heran. Dabei ernährt sie sich ausschließlich von Plankton. Da die Tiere vor allem auf der ersten Strecke mehr passiv mit dem Golfstrom treiben als selber schwimmen, dauert die Wanderung nach Europa zweieinhalb bis dreieinhalb Jahre - je nachdem, ob die Endstation an den Küsten Irlands und Spaniens, in der Ostsee oder im östlichen Mittelmeer liegt.

Wenn sich die Aal-Larven Europa nähern, machen sie eine Umbildung durch. Sie nehmen unter leichter Verkürzung die Form eines erwachsenen Flussaals an und werden dann wegen ihrer Durchsichtigkeit Glasaale genannt. So beginnen sie, in die Flüsse einzudringen. Während dieser Zeit bilden sie rasch viel Hautfarbstoff (Pigment). Diese dunkel gefärbten Jungaale heißen nun Steigaale. Von ihnen bleibt ein Teil in den brackigen Flussmündungen und Unterläufen; wahrscheinlich sind es die Männchen. Die (vermutlichen) Weibchen aber wandern die Flüsse hinauf bis in die kleinsten Bäche und Seen. Auch in abflußlose Gewässer dringen sie ein, indem sie sich bei Nacht über feuchte Wiesen und Felder schlängeln.