Weiche Ballen sind besser als Bergschuhe

Gemse

Das "Geraffel" klettert immer höher, angeführt von der Leitgams, einer alten Wachgeiß. Erstaunlich, wie die Tiere auch an glatten, fast überhängenden Felsen klettern und Halt finden!

Ihre gespaltenen, scharfrandigen Hufe, die weit gespreizt werden können, und die gut haftenden, weichen Ballen sind im Fels geeigneter als die besten Bergschuhe und Steigeisen. Nur die Wildziegen und manche Bergschafe erreichen die Kletterkunst der Gemse. Aber sie ist weder mit den Ziegen noch mit den Schafen nah verwandt. Zwar gehören alle zu den wiederkäuenden, horntragenden Paarhufern. Aber die engeren Verwandten der Gemse findet man in einer kleinen Gruppe von seltsamen, über die Hochgebirge der Erde verstreuten Geschöpfen. Die nordamerikanische weiße Schneegemse ("mountain goat") gehört ebenso dazu wie der Goral und der Serau im asiatischen Himalaja.

Das Gamsrudel ist von der Wachgeiß längst über den Berggrat geführt worden. Für Sepp bedeutet dies das Zeichen zum Aufbruch in höhere Regionen. Er will die Salzlecken bis hinauf an die Felspartien unter die Gamsburg schleppen, wo er die Steine gut sichtbar an bestimmten Plätzen für sein Wild auslegt.

Über ein langes Geröllfeld steigen wir weiter auf. "Jetzt muaßt langsam laufa, damit da nicht außer Atem bist, wenn mir oben am Grat ankimmat!" prophezeit Sepp. Tatsächlich, die letzten Meter robben und kriechen wir vorwärts. Der Anblick ist überwältigend: Rund zweihundert Meter unter uns auf einer schroffen Felsnadel, die sich vor dem gewaltigen Großglocknergletscher abhebt, stehen wie verwurzelt zwanzig, dreißig, fast vierzig Gemsen. Ihre schwarz-weißen Gesichtsmasken peilen uns an. Die Gemse nimmt zwar auf große Entfernungen jede Bewegung wahr, kann aber nur schlecht erkennen, was es eigentlich ist. Wir bleiben ruhig. Da dreht sich der Wind, weht nach unten. Ein Pfiff der Leitgams - und weg sind sie, nicht ohne vorher "Haberl" zu machen, wie der Jäger das mehrmalige Verhoffen und neugierige Zurückschauen der flüchtigen Gemse nennt.

Die große Prüfung für das Leben am Berg ist der Winter. Er trifft auch unter der Gemsenschar die Auslese. Um so verwunderlicher ist es, daß gerade in diese harte, fast brotlose Zeit die Hochzeit der Gams fällt. Ende November bis Mitte Dezember brunften die Böcke. Verständlich, wenn dann die Gemsenherren recht erregt sind und eifersüchtig darüber wachen, daß kein Halbstarker sich an den eigenen Harem heranmacht. Mitunter kommt es zu harten Rivalenkämpfen. Nicht selten sieht man im Winter einen der schwarzzottigen Böcke durch den Schnee heranstieben und mit Krucken und Läufen auf seinen Rivalen einschlagen.