So ritzen sie sich selbst die Brust auf...

Zwei halbwüchsige Fischerjungen rudern uns. Sie wissen genau, wo die Brutplätze liegen - sagen sie.

Rosapelikane mit Jungen
Rosapelikane mit Jungen
Pelikan

Wir sind neugierig auf die schwärzlich befiederten Jungen, die in flachen, unordentlichen Mulden im Schilf hocken sollen, in unzähligen Nestern nebeneinander. Außerdem röche man es, behaupten die Jungen. Die faulenden Fische bei der Brutkolonie stänken meilenweit.

Nun, vielleicht war der Wind uns nicht günstig, oder an der Mär war etwas faul. Jedenfalls fanden wir die Brutplätze nicht. So konnten wir auch nicht erleben, wie die Pelikanin "in aufopfernder Mutterliebe sich die Brust zerfleischt und die Jungen mit ihrem Blute nährt". Das nämlich berichten die antiken Sagen.

Man fragt sich, wie solche Vorstellungen entstehen. Die rosa getönte Unterseite des brütenden Pelikans, die zerzauste Stelle im Brustgefieder, wo er den Schnabel aufstemmt, wenn er die Atzung für seine Jungen herauswürgt, vielleicht auch die große Sorgfalt, mit der die Nestlinge unter die Flügel genommen werden - das alles mag die Alten zum Fabulieren angeregt haben.

Aber auch später noch weiß man über den Pelikan Absonderliches zu berichten: "Daß die Natur-Erforscher Fabelhafft melden, daß zwischen ihren Jungen und denen Schlangen eine besondere natürliche Feindschaft seye, so gar, daß die Schlangen bey Abwesenheit der alten Pelecane, sich zu denen Jungen in das Nest verfügten, sich um selbige schlingeten. und also erstickten, sobald aber die alten Pelecane bei der Zuruckkunfft solches Gewahr würden, so ritzten sie sich selbst mit dem Schnabel die Brust auf und machten sie also mit dem Blute lebendig." So noch Herr Adam Friedrich Kirsch in seinem 1735 erschienenen Lexikon. Zum Ritzen wäre der Pelikanschnabel freilich wohl geeignet: Das schmale, flache Oberteil besitzt an der Spitze einen starken, krallenförmigen Haken.