Die herzige Landplage

Sie sind lieb anzusehen. Aber sie können enorme Schäden anrichten.

Kaninchen

Seit langem weiß man, daß der Mensch dort, wo er in die Natur eingreift, in erster Linie Unfug anrichtet. Es gibt dafür ein klassisches Beispiel, das seit Jahrhunderten Kummer macht: Der Fall des herzigen Kaninchens, das sich der Mensch systematisch zur Landplage herangezogen hat.

Man soll sich hüten, Tiere mit menschlichen Maßstäben zu messen. Aber hier ist die Versuchung doch zu groß, als daß man sie ungenutzt vorübergehen lassen könnte: Der Mensch hat sich im Kaninchen ein Tier ausgesucht, das ihm in vielen Lebensäußerungen erstaunlich ähnlich ist. Erstens neigt es dazu, sich planlos und geradezu hektisch zu vermehren. Zweitens ist es von einer Bau- und Grabewut sondergleichen. Drittens zeigt es eine Anpassungsfähigkeit, die bewundernswert ist. Man findet Kaninchen in den Halbwüsten Australiens ebenso wie auf den Kerguelen-Inseln in der Nähe der Antarktis.

Nach alledem ist es kein Wunder, daß das Kaninchen ein sogenannter "Kulturfolger" ist: Es heftet sich dem Menschen an die Fersen. Industrialisierung und Besiedelung, die seinem entfernten Vetter, dem Feldhasen, das Leben schwer machen, bereiten ihm nur wenig Kummer: Munter bezieht es in öffentlichen Parks inmitten der Großstädte Wohnung, nistet sich in Vorgärten und Friedhöfen ein.

Die Geschichte, wie das Kaninchen zur Landplage wurde, ist geradezu ein Musterbeispiel menschlicher Torheit - ebenso wie die Versuche, dieser Plage schließlich wieder Herr zu werden.

Nach den verschiedenen Eiszeiten, die Europa heimsuchten, war das Wildkaninchen nur noch in Spanien zu Hause: ein kleines, unscheinbares Geschöpf, ähnlich dem Hasen, aber zierlicher und ohne dessen aufgerichtete Löffelohren. Den Phöniziern, die auf die Iberische Halbinsel kamen, schien es so bemerkenswert, daß deshalb Spanien nun nach den Kaninchen heißt. Allerdings lag ein Irrtum vor: Die Phönizier meinten nämlich, es sei der Klippschliefer, den sie dort trafen. Der hieß bei ihnen "Shapan". So nannten sie das Land "I-Shapan-Im", und daraus wurde Hispania.

Die Völker der Antike erkannten bald, daß Kaninchenfleisch schmeckt. Die Römer errichteten überall in ihrem Reich Gehege. Neugeborene und ungebetene Kaninchen galten ihnen - unterm Namen "Laurices" - als Delikatesse. Die christliche Kirche tat es ihnen nach, setzte das Kaninchen-Jungvolk den Fischen gleich und erklärte es zur Fastenspeise.

So kam es, daß sich die Klöster - vor allem die französischen - mit Liebe der Kaninchenzucht widmeten. Dabei entstanden die ersten Hauskaninchen, jene gutmütigen Tierchen, die man heutzutage hinterm Haus in engen Käfigen hält, "Stallhasen" nennt (was zoologisch unmöglich ist) und an Weihnachten vor lauter Liebe nicht schlachten kann. Alle erstaunlichen und teils monströsen Spielarten des Stallkaninchens - vorn ein Kilo leichten Hermelin-Kaninchen bis zum zehn Kilo schweren Englischen Widder - in allen nur erdenklichen Färbungen, mit glattem Fell oder Angoralocken, haben ihren Ursprung in jenen Klosterzuchten. Um 1500 kannte man bereits weiße, schwarze und schwarzweiße Tiere; Tizian malte 1530 ein weißes Zuchtkaninchen.

Und alle wilden Kaninchen auf der ganzen Welt stammen entweder von den Tieren ab, die aus den ummauerten Gehegen entwichen, indem sie sich unter den Mauern in die Freiheit gruben, oder von den halbzahmen Kaninchen, die Seefahrer - der Fastenregeln und des Wohlgeschmacks wegen - auf ihren Schiffen bei sich hatten und zum Teil auf Inseln aussetzten.