Sie können eine Zimmereinrichtung zerstören

Vom Erzählen kannte ich die Ziesel schon früher. Mein Vater hat seine Kindheit in der Lausitz verlebt. Als Jungen haben sie manchen Ziesel als Nahrung für ihre Jungeulen gefangen.

Ziesel

Der Ziesel ist eigentlich ein Fremdling aus dem Osten. Mitte des vorigen Jahrhunderts tauchte er in Schlesien auf, wanderte weiter nach Sachsen. Auch heute soll er dort heimisch sein und sich beständig westwärts ausbreiten. Interessanterweise muß er aber schon früher in Zentraleuropa vorgekommen sein. Der mittelalterliche Gelehrte Albertus Magnus, der für seine Zeit außergewöhnliche Naturkenntnisse besaß, gibt schon eine recht gute Beschreibung des Ziesels, der ihm begegnete, als er um 1260 Bischof in Regensburg war. Die Naturkundebücher der Antike kennen ihn auch, den Ziesel, nennen ihn "Pontische Maus" oder "Simor". Seine ursprüngliche Heimat sind die Landschaften Südrußlands und Südosteuropas: die Ukraine, Böhmen, Mähren, Polen, Ungarn. Der Name "Ziesel" deutet auf slawische Herkunft. "Suslik" heißt er auf russisch, tschechisch "Sysel". Ungarisch ist keine slawische Sprache, also heißt er dort ganz anders: "Crge". (Übrigens nennen die Ungarn das Wildkaninchen "Crgei nyul", was soviel wie "zieseliger Hase" bedeutet).

Mein Mann hatte schon früher mit den Zieseln Bekanntschaft gemacht. Als junger Soldat lag er auf dem Flughafen von Wiener Neustadt. Die jungen Leute füllten die müßigen Stunden aus, indem sie Zieselmäuse fingen und zähmten. Die harmlosen Tierchen werden schnell zutraulich, schließen sich dem Pfleger an und ertragen die Gefangenschaft ganz gut. Der Ziesel meines Mannes lebte in der Werkstatt, lief frei herum und ließ sich in der Montur spazierentragen. Wenn mein Mann scharf durch die Zähne pfiff, sauste er sofort los und schlüpfte in seinen "Bau"; das war ein ausgedientes Kochgeschirr, dessen durchlöcherter Deckel während der Dienst- und Nachtstunden geschlossen wurde. So hatten sie viel Freude an dem possierlichen Tier, bis es eines Nachts den Deckel seines Gefängnisses hochdrückte und in langer, fleißiger Nachtarbeit alles im Spind zernagte - einschließlich der pelzgefütterten Fliegerstiefel. Man hätte vorher Tiervater Brehm lesen sollen, der schreibt: " ... und kann in einer Nacht eine ganze Zimmereinrichtung zerstören!"

In der ostungarischen Puszta findet der Ziesel als ursprüngliches Steppentier beste Lebensbedingungen - vor allem flaches, baumloses Grasland mit trocknem, festem Erdreich. Man kann ihm freilich auch im Hügelgebiet oder im Kulturland am Rand von Wäldern begegnen. Aber das ist doch nicht das Ideale für ihn.

Auf der Puszta Hortobágy, am Rande der Debrecener Lößplatte, gibt es größere Zieselkolonien. Hier liegt oft eine Röhre dicht bei der anderen. Ich weiß aus schmerzlicher Erfahrung, wie gefährlich das Reiten an solchen Stellen ist. Zu spät bemerkt man die neben dem Ausgang liegenden, flachen Erdhäufchen. Tritt das Pferd im Galopp in solch ein Zieselloch, ist ein gewaltiger Sturz unvermeidlich.