Rom und Byzanz

Die Abnehmbarkeit des Adlers hatte noch eine schlimmere Konsequenz. Wenn der Verlust einer Schlacht drohte, nahm der Divisionsgeneral den Adler, schleuderte ihn unter die Feinde und stellte damit seine Truppen vor die Alternative: Sieg und Wiedereroberung des Adlers oder Henkersbeil!

Kaiseradler
Kaiseradler

Andererseits wurden dem Legionsadler göttliche Ehren zuteil. Er bekam einen besonderen Platz im Lager und wurde scharf bewacht. Sein Standort war der Mittelpunkt des Lagers. Alle feierlichen Handlungen fanden unter seinen Augen statt. Er hatte sogar eine Art von Geburtstag, an dem er feierlich gesalbt wurde.

Mit dem Untergang des römischen Reichs starben die römischen Adler nicht. Auf verschiedenen Wegen und in verschiedenen Formen haben sie sich bis zum heutigen Tag erhalten. Alle, die materiell oder geistig einen Anspruch auf die Weiterführung des römischen Reiches legten, verliehen ihrem Anspruch mit einem Adler Ausdruck.

Dem Legionsadler am nächsten verwandt ist Napoleons Adler, der seit der Errichtung des ersten Kaiserreichs 1804 über der Trikolore schwebte und auch im dynastischen Wappen Napoleons zusammen mit den goldenen Bienen auftauchte. Den Beinamen "Aiglon" (junger Adler) trug Napoleons Sohn, den der Vater zum König von Rom machte, um damit sein Anrecht auf die Nachfolge im römischen Imperium zu dokumentieren.

Ein sehr viel älterer Nachfolger der römischen Kaiser war Karl der Große, der schon im 9. Jahrhundert aus demselben Grund den Adler als Abzeichen trug. Noch weiter zurück geht der Doppeladler der Kaiser von Byzanz, die sich ihn zulegten, um die Vereinigung der beiden Reichsteile West- und Ostrom unter der Führung von Byzanz zum Ausdruck zu bringen. Doch ist der Doppeladler keineswegs eine byzantinische Erfindung. Sein Ursprung geht zurück in das Dunkel der Geschichte der kleinasiatischen Völker, wahrscheinlich zu den Hethitern, den Zeitgenossen der ägyptischen Pharaonen.