"Heuler" im Watt

Brunst ist im August. Die Rüden sind aufgeregt, es kommt zu Beißereien. Sie lassen sich im Wasser senkrecht absacken. blasen dann Luft durchs Maul: das "bullert". Die Begattung geht im Wasser vor sich. Das Junge wird elf Monate getragen, Zum Wurf versammeln sich manchmal mehrere weibliche Tiere auf einem abgelegenen Platz.

Seehund

Ein Seehundbaby. Geburtsort: die Sandbank. Zeit: Mitte bis Ende Juni, bei Niedrigwasser. Gewicht: etwa 15 Kilo. Größe: 82 Zentimeter von der Nasen- zur Schwanzspitze. Und kaum geboren, muß es ins Wasser. Schwimmen. Denn die Sandbank bleibt nur sechs Stunden trocken, dann steigt das Wasser wieder und die Kinderstube ersäuft in der Nordsee. Von der ersten Stunde an das Theater mit Ebbe und Flut.

Das Seehundbaby ist sofort sehr lebhaft, aktiv. Die Mutter kann es, besonders in den ersten Tagen, nicht aus den Augen lassen. Es würde sich davonmachen, von der Strömung im Priel abgetrieben werden, nie wieder zurückfinden. Die Mutter saugt das Kleine auch nur auf dem Sand - vier bis fünf Wochen, höchstens sechs. Sie hat alle Hände voll zu tun, den Ausreißer bei sich zu behalten. Alles, was sie dazu aufbringen kann, reicht für eines, für ein Junges.

Es kommen aber Zwillingswürfe vor. Etwa jeder zehnte Wurf bringt zwei Junge. Eines davon ist verloren. Das ist keine Auswahl: Nicht das vielleicht schwächlichere, möglicherweise kränkliche wird verstoßen; keines wird verstoßen. Aber eines geht verloren. Irgendeines und zufällig. Es treibt ab, treibt irgendwo wieder an, es heult, wimmert fast ununterbrochen, es ist erschöpft, schwach (denn noch kann es sich nicht selbst ernähren, es braucht die Muttermilch), oft haben ihm die Möwen schon arg zugesetzt. Das sind die "echten Heuler".

Heuler

Vorsicht! Nicht anfassen! Nicht mitnehmen! Den nächsten Seehund(jagd)führer, die Polizei verständigen! Die kennen sich aus, können beurteilen: verlassen oder nicht. Sie bringen die Jungtiere in die Heuler-Stationen in Büsum, Bremerhaven, Norden oder Cuxhaven, wo (nach anfänglichen Rückschlägen - dieTiere gingen ein) den Gestrandeten eine Heuler-Diät mit dem Schlauch verabreicht wird, die sie über die ersten kritischen Wochen hinwegbringt. Dann erst fressen sie Fisch. Dann jagen sie selbst. Dann entläßt die Station sie wieder in die Nordsee. Aber da nehmen die Rudel sie nicht auf. Sie müssen abwandern. Oder Einzelgänger bleiben. Ein Seehundleben lang,

Die meisten Heuler werden verkannt. Sie sind gar keine. Sie sind von der jagenden Seehundmutter bloß abgelegt (die Rehgeiß macht's nicht anders), weit draußen im Watt. Sie heulen nicht fortwährend. Die Mutter kommt auch wieder und nimmt das Junge an.

Ich habe meinen ersten Seehund gesehen, als ich im Urlaub auf einer Sandbank hockte, vor mich hindöste und gar nicht spürte, wie die Nässe in meine Hosen zog. Plötzlich tauchte ein paar Meter vor mir ein Seehund auf. Er hing senkrecht im Wasser wie ein Schwimmkorken an der Angelschnur. Er hatte dunkle Augen, dunkel und gutmütig, Und er sah mich an, direkt. Und ich sah ihn an. Dann versank er wie ein Stein und verschwand für immer.