Graue Eminenz

In vielen Ländern ist der Esel - auch wenn er zuweilen eigenwillig ist - der beste Freund des Menschen. Hierzulande hält man ihn für dumm. Das ist die größte Eselei.

Esel

Ali ben Musa ist Transportunternehmer. Marrakesch, Rue de Bab Taghzoul, halbwegs zwischen der Ben Youssef-Moschee und der Moschee Sidi bei Abbes. Wohnraum, Schlafraum, Stall. Zwei Esel, ein Gehilfe.

Ali transportiert vieles, vor allem Schmiedeeisernes für seinen Schwager, der im Bazar Fenstergitter, Schlösser und Treppengeländer verkauft. Vieles kommt von den Dörfern ringsum. Ali bringt es her.

Auf den Bildern dieser Seiten ist er nicht zu sehen, ich habe mir die Fotos genau betrachtet. Aber er könnte dabeisein. Der Esel ist alltäglich in Marokko. Sein lässiger Schritt bestimmt den Gang der Geschäfte. Er ist Familienmitglied und Freund. Mehr noch: Graue Eminenz ganzer Sippen. Seine Entscheidungen, mitzumachen oder nicht (bei denen niemand weiß, wovon sie abhängig sind), entscheiden Geschäfte und Transaktionen.

Esel

Esel sind, betrachtet man sie so, durchaus wichtige Persönlichkeiten in vielen Ländern. Als Onkel Doktor im Dienst der UN habe ich viele von ihnen kennengelernt, in zahlreichen Ländern. Nirgends aber traf ich die Verachtung, die man im angeblich vernünftigen Europa diesem intelligenten und charaktervollen Tier entgegenbringt.

In Griechenland hatte ich einige Dörfer in den Gebirgsregionen aufzusuchen, aus denen der Olymp, der Berg der Götter, mächtig emporragt. Wir waren zu fünft. Ein Assistent, zwei Reitesel, ein Packesel und ich. Vier Wochen hatte ich Gelegenheit, Intelligenz und Charakterstärke der Tiere kennenzulernen. Mein Helfer war ein Bauernsohn aus einem griechischen Dorf. Er hatte das Glück gehabt, in Deutschland zu studieren. Ich hatte das Glück, dass er etwas von Eseln verstand. Mit Geduld. Hartnäckigkeit und der Nachsicht eines klassischen Philosophen brachte er unsere kleine Herde immer wieder dazu, das zu tun, was auf unserem Programm stand. Von ihm hörte ich die großartige, wenn auch ungalante Bemerkung: "Ein Esel ist wie eine Frau. Eigenwillig und launisch. Und viel klüger als du, bloß zeigt er dir das nicht."

Viele Wochen im Umgang mit Eseln haben mir eine Erkenntnis beschert: Sie sind alles mögliche - aber nicht dumm. Eines Abends sprach ich mit Ali, den ich über seinen eisenhandelnden Schwager kennengelernt hatte, in einem beiderseits nicht ganz lupenreinen Französisch über den Charakter der Esel. Ali hatte gehört, dass man in Europa einen dummen Menschen "Esel" schilt.

"Gibt es keine Esel bei euch?" fragte er. Nein, sagte ich. Ganz selten nur!

"Ihr kennt sie also nicht?" fragte er weiter. Ich musste ihm gestehen: Nein.

"Wenn ich nicht wüsste, wie Esel wirklich sind", sagte Ali, "würde ich sagen: Ihr seid Esel!"

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