Die Geschichte von Noah und dem kleinen Haus

Birecik liegt zwischen Gaziantep und Urfa am östlichen Euphrat-Ufer. Felsen bilden hier eine bis zu 40 Meter hohe Wand; oben steht die Ruine einer ehemaligen Seldschuken-Festung.

Inmitten der Stadt zieht sich, drei- bis vierhundert Meter vom Fluß entfernt, der Felsen weiter hin. Im oberen Drittel der dort etwa 25 Meter hohen Wand brüten die letzten Waldrappe. Die Stadt ist in den letzten Jahren schnell gewachsen. Der Brutfelsen ist von Häusern umschlossen. Ständig wird weitergebaut; von unten reichen schon einige Häuser bis an den Brutsims heran.

Die Geschichte von Birecik ist mit dem Waldrapp aufs engste verbunden. "Noah ließ, nachdem er mit seiner Arche gelandet war, einen Waldrapp frei. Dieser Vogel flog zu einem kleinen Haus am Euphrat. ("Bir evcik" heißt "kleines Haus". Daraus soll später der Name Birecik entstanden sein.) Fortan begleiteten die Waldrappe alle gläubigen Bewohner der größer werdenden Ortschaft auf ihren Pilgerfahrten nach Mekka."

So erzählte mir ein alter Koranlehrer die Waldrapp-Geschichte von Birecik. Noch heute berichten alte Pilger, der "Hatschi Kelaynak", wie der Waldrapp in Birecik heißt, sei vor ihnen hergeflogen und habe sie sicher in ihre Stadt zurückgeleitet. Jedes Jahr, etwa um den 15. Februar, erscheinen die Waldrappe aus ihren Winterquartieren in Birecik. Aus Beobachtungen und Umfragen habe ich ihre Reiseroute rekonstruiert: Sie ist genau identisch mit der Pilgerroute. Beide - Waldrapp und Pilger - pflegten Birecik im Juli zu verlassen und kamen im Februar des folgenden Jahres wieder zurück. Heute pilgern die Bireciker mit der Bahn oder per Flugzeug. Der Waldrapp reist allein.

Birecik mit der Ruine der Seldschuken-Festung
Birecik - Links der Felsen mit der Ruine der Seldschuken-Festung.